Kambodscha

Auf meiner Rundreise durch den Vietnam wollte ich es mir nicht nehmen lassen, einen Abstecher in sein Nachbarland zu machen: das Königreich Kambodscha.

Kambodscha ist erst, durch eine demokratisch gewählte Regierung, seit etwa zehn Jahren unabhängig und ein eigenständiges Königreich. Seitdem versucht das Land auch finanziell und wirtschaftlich unabhängig zu werden – Tourismus ist hier die größte Einnahmequelle und der wichtigste Wirtschaftszweig. Auch auf Bildung wird hier sehr viel mehr Wert gelegt, als beispielsweise im Vietnam (aber hierzu mehr in meinem Blog über den Vietnam). An jeder Ecke sieht man Schulen, Grundschulen oder Universitäten, die teils privat geführt werden, da das Land noch nicht genügend Geld hat, alle Schulen zu verstaatlichen, und teils in öffentlicher Hand liegen. Obendrein bietet der Staat für jeden (!) Bürger kostenlose Englisch-Kurse an, um den Tourismus noch weiter fördern zu können. Die Landessprache in Kambodscha ist zwar Khmer, doch spricht nahezu jeder Tuk-Tuk-Fahrer fließend und akzentfrei Englisch. Wirklich beeindruckend!

Ich habe den Luftweg gewählt, da ich nicht genug Zeit hatte, über den Mekong, vom Vietnam aus, mit dem Boot einzureisen. Gegen etwa 30 US Dollar in bar erhält man am Flughafen in Siem Reap ein Visum-on-Arrival. Wer im Vorfeld keine US Dollar abgehoben hat, kann dies direkt in der Eingangshalle am Bankautomaten tun. Dies sollte man aber direkt nach dem Aussteigen aus dem Flugzeug machen, da die Schlange sehr schnell sehr lang werden kann. Wer zusätzlich keine Landeswährung (Riel) mit sich herum tragen möchte, kann auch einen größeren Geldbetrag in US Dollar abheben, da man an jedem noch so kleinen Kiosk in Kambodscha ebenfalls damit bezahlen kann. Im Normalfall erhält man dann Riel als Wechselgeld.

Für meinen doch recht kurzen, fünftägigen Aufenthalt, habe ich mir zwei große Stationen ausgesucht: die Angkor Tempelanlage in Siem Reap und die, sich zu diesem Zeitpunkt noch im Aufbau befindene, Anlage des Bahá’í Haus der Andachts in Battambang.

Über die Backstreet Academy buche ich mir eine Mountainbiketour durch die Angkor Tempelanlage und sein Hinterland. Die Backstreet Academy ist eine Organisation, die ausschließlich Locals beschäftigt, um ihnen zum einen einen Arbeitsplatz zu geben und zum anderen die örtliche Wirtschaft zu unterstützen – von Khmer, für Khmer. Hier kann man nicht nur außergewöhnliche Aktivitäten buchen, sondern erhascht auch einen sehr authentischen Blick hinter die Kulissen. Wer kennt sein Land auch schon besser als seine eigenen Einwohner?!

Da man sich – laut Reiseführern – den Sonnenaufgang hinter Angkor Wat, dem Haupttempel, auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte, geht es für mich auch schon um 3:00 Uhr morgens los. Leider findet mein Tuk-Tuk-Fahrer auch nach mehrmaligen Fragen der anderen Locals den Weg nicht und so komme ich erst mit ca. anderthalb Stunden Verspätung an der Backstreet Academy an. Da meine Gruppe natürlich schon gestartet hatte, wurde ich mit dem Roller und mein Bike mit dem Tuk-Tuk zur Tempelanlage gefahren. Dort muss man sich erst einmal für den richtigen Eintrittspass (z.B. Tagespass) entscheiden und an der jeweiligen Schlange anstellen, da die Wartezeit ansonsten umsonst war. Auch hier sollte man vorher US Dollar abheben , da man nur bar bezahlen kann. Dies bestenfalls aber nicht, wie ich, erst vor Ort tun, denn wenn das W-Lan ausfällt, haben auch die ATMs keinen Empfang und sind unbrauchbar. Zu meinem Glück hatte sich das Netz relativ schnell wieder stabilisiert.

        

Naja. Was soll ich sagen?! Der Sonnenaufgang war okay, da das Wetter an diesem Morgen auch nicht allzu gut mitspielte, aber als absolutes Muss würde ich es auf gar keinen Fall bezeichnen. Zum einen … naja … es ist ein Sonnenaufgang. Wunderschön, aber nicht gerade das Exotischste der Welt. Und zum anderen, wie natürlich nicht anders zu erwarten, teilt man sich den Anblick mit tausenden von anderen Menschen. Wer euch erzählt, es sei außerordentlich romantisch, der lügt oder war vor über zwanzig Jahren dort.

        

Ich lerne den Rest der Gruppe kennen, die bunt gewürfelt aus der ganzen Welt stammt und wir machen uns zu aller erst – mit all den tausend Selfiesticks – auf den Weg zu Angkor Wat. Da dies der erste Tempel ist, den wir von der Anlage sehen, ist er natürlich außerordentlich beeindruckend. Unser Guide, der aus Siem Reap stammt, erzählt uns in fließendem Englisch die Geschichte hinter der Tempelanlage und kann alle Fragen wirklich sehr ausführlich beantworten.

        

        

        

        

Um die ersten Eindrücke zu verarbeiten und die hungrigen Mägen zu füllen, frühstücken wir in einem Imbiss, in dem wir ausschließlich Tuk-Tuk-Fahrer und Locals antreffen. Muss also gut sein! Hier wird uns auch der Grund dargelegt (viel mehr: einer der tausend Gründe), warum man im Ausland bestenfalls auf Eis in seinen Getränken verzichten sollte. Dieses wird hier auf der schmutzig verkrusteten Ladefläche eines uralten und in Deutschland mit Sicherheit nicht mehr zugelassenen Jeep mit Hilfe einer verrosteten Säge, der schon einige Zähne abgefallen sind, in mundgerechte Stücke portioniert. Wo das Wasser dafür herkommt, werden wir bald erfahren …

Nach dem Essen fahren wir mit den Mountainbikes (sie fahren sich relativ gut, allerdings würde ich auf Grund des doch sehr unebenen Bodens empfehlen, eine gepolsterte Fahrradshort anzuziehen und sich zu aller erst mit der Reaktionszeit der Bremsen anzufreunden) weiter dorthin, wo das Wasser für die Eiswürfel herkommt. Was wohl niemandem so richtig bewusst war, ist die Tatsache, dass auf der Tempelanlage, weitab des touristenüberströmten Weges, wirklich noch Menschen wohnen. Aus Respekt habe ich dort keine Fotos geschossen. Lediglich von ihrem Schulgebäude, da dort zu dem Zeitpunkt kein Unterricht stattfand. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, unter welchen Umständen Menschen auf dieser Welt leben. Umso beeindruckender aber, wie glücklich sie dabei sein können! Mit nahezu keinem Besitz aber strahlenden Gesichtern, rennen kleine Kinder auf uns zu und wollen einfach nur auf den Arm genommen werden und mit uns spielen. Im Gegensatz zu dem Sonnenaufgang, wäre DAS ein wirkliches Muss, das ich jedem ans Herz legen kann. Wir fahren an verschiedenen Häuserbauten vorbei (im klassischen Stil: ein großes Zimmer, auf Holzpfählen erbaut, in dem alle gemeinsam schlafen und wohnen und im „Erdgeschoss“ die Küche und die „Speisekammer“), der Dorfschule, Familien und deren Trinkbrunnen. Übrigens wäre es für uns tödlich, auch nur einen Schluck dieses Wassers zu trinken. Selbst unser Guide würde es nur halbwegs abgekocht vertragen. Doch für die Mägen der ortsansässigen Khmer, ist es ganz normales Trinkwasser, das sie seit Jahrhunderten konsumieren.

        

Weiter geht’s zu unserem vorerst letzten Tempel für heute: dem Bayon Tempel, umgeben von Angkor Thom. Angkor Thom ist die einstmalige Königshauptstadt mit seinen berühmten Toren und in Stein gemeißelten Gesichtern. Inmitten der Mauern steht der Bayon. Dieser Tempel ist nochmal wesentlich beeindruckender als Angkor Wat.

        

        

        

        

        

Die wirklich sehenswerten Tempel sind meiner Meinung nach allerdings die weitab der Touristenströme. Je kleiner die Tempel werden, desto weniger Touristen begenet man – was wirklich ungerechtfertigt ist, da es meist jene sind, die auf den bekannten Reiseführerfotos zu sehen sind. Ta Prohm diente beispielsweise als Kulisse für Lara Croft: Tomb Raider und am Ende des Tempels Ta Som entstand jedes Reiseführerfoto mit dem baumverwucherten Tor.

        

        

                  

        

Die eingewachsenen Bäume dienen heutzutage nicht mehr nur als „coole Kulisse“, sondern sind essentiell für den Erhalt der jeweiligen Tempel. Sie sind so mit den Sandsteinen verwachsen, dass das gesamte Konstrukt zusammenbrechen würde, wenn man sie entfernt.

                  

Es lohnt sich also wirklich, die anderen Tempel anzuschauen. Wer Fuß- oder Fahrradfaul ist, kann das auch ganz entspannt mit dem Tuk-Tuk machen. Jeder Fahrer weiß bestens über die einzelnen Tempel Bescheid und kann prima den Touristenguide spielen.

        

        

        

In jedem Tempel findet man Opfertische mit Räucherstäbchen, Opfergaben und manchmal verschiedenen Gottheiten in Form einer Statue. Bei vielen dieser Statuen wurden die Köpfe abgetrennt. Das hat keinen religiösen Hintergrund, sondern einen dramatischen: Im 14. Jahrhundert eroberten die Burmesen Thailand und weite Teile Südostasiens. Da sie nicht alle Schätze mitnehmen konnten, stahlen sie nur das, was einfach zu transportieren war – obendrein konnten sie mit dem Diebstahl der Götterköpfe die Khmer verspotten und ihnen ihre Macht demonstrieren. Heutzutage ist fast keine der Statuen mehr an seinem ursprünglichen Ort, denn die, die bisher nicht dem Kunstraub zum Opfer fielen, wurden weltweit in Museen abtransportiert, um sie vor solchem zu schützen.

        

        

                                    

Jede einzelne Tempelanlage hat ein eigenes Land zum Schirmherren. Dieses Land kümmert sich finanziell um den Wiederaufbau und die Restauration, um Kambodscha einen großen Berg der Kosten abzunehmen und die gesamte Tempelanlage auch in Zukunft Touristen begehbar zu machen.

        

Von Siem Reap nach Battambang zu kommen, erweist sich als deutlich einfacher, als zunächst angenommen. Ein- bis zweimal am Tag pro Richtung verkehren kleine Reisebusse, die man ganz einfach online buchen und via PayPal bezahlen kann. Die Busse fahren auf die Minute pünktlich ab – womit ich auch nicht gerechnet habe -, kommen allerdings nicht ganz pünktlich an, da der Verkehr unberechenbar ist. Unterwegs wird etwa auf der Hälfte für eine kleine Pipi-Pause gehalten, die man (oder Frau) auch wirklich nutzen sollte (auch wenn die Toilette nicht sehr einladend ist). Egal, wie dringend es danach wird, der Busfahrer hält nicht mehr an … zumindest unserer nicht, da er nach der Fahrt zu seiner Freundin wollte, wie uns erklärt wurde.

In Battambang wurde ich von meinem lieben Bahá’í-Freund Sam Voha und seinem Tuk-Tuk abgeholt, der mich zur Baustelle des Haus der Andacht brachte.

        

        

Wer von der Bahá’í Religion bisher noch nichts gehört hat, darf sich entweder hier einlesen oder mich einfach fragen 🙂

Mittlerweile wurde das Haus der Andacht fertig gestellt und eröffnet. Es ist schön zu sehen, wie die Bäume und Büsche, die ich damals gespendet habe, von vielen helfenden Händen gemeinsam gepflanzt wurden und gewachsen sind. Vielleicht schaffe ich es ja noch einmal nach Battambang und kann dieses vollendete Kunstwerk mit eigenen Augen bestaunen.

        

        

Für meinen letzten Tag, habe ich erneut über die Backstreet Academy gebucht. Etwas spektakulärer als das Mountainbiken durch die schmalen Sandstraßen des Angkor-Hinterlandes: Sword forging! Richtig, ich habe mit meinen eigenen Händen aus alten Autostoßdämpfern „Schwerter“ geschmiedet. Oke, es waren eher Messer als Schwerter, aber ich hatte auch so schon Bedenken, dass wir sie überhaupt mit nach Deutschland bekommen. In einer kleinen Wellblechbude, ummantelt mit Pappe und etwa 100° Grad Innentemperatur hielt ich abwechselnd ein Stück Stoßdämpfer in die Glut (natürlich war es ein offenes Feuer mit Stichflammen) und bearbeitete es mit irgendwas, das wirkte wie ein handgeschmiedeter Eisenhammer. Wirklich anstrengend und weit entfernt von ungefährlich schmiedete ich so Mr. McSlice. Denn, wie ihr ja hoffentlich wisst, braucht jedes Schwert einen Namen. Nachdem ich, trotz Brille, den ersten glühenden Stahlsplitter ins Auge bekam, erübrigte sich auch die Frage, warum direkt nebenan ein Augenarzt stationiert war. Natürlich ging alles gut, es hat wirklich Spaß gemacht und war eine außerordentlich coole Erfahrung. Mr. McSlice hat es tatsächlich über mehrere Ländergrenzen nach Deutschland in mein Wohnzimmer geschafft …

        

        

        

In nur wenigen Jahren hat Kambodscha schon das geschafft, was viele Länder nach Jahrhunderten noch nicht schaffen: Sie erkennen den Wert von Bildung an und auch, wie es den Tourismus und somit das Land fördert, was wiederum Geld für Bildung bringt. Ich bin wirklich gespannt, wie sich dieses bezaubernde Land in den kommenden Jahren weiter entwickeln wird … spannend, wie jedes südostasiatische Land vom Charakter her doch so unterschiedlich ist.

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