Vietnam

Mit 280 Einwohnern pro km² hat der Vietnam gerade mal 48 Einwohner pro km² mehr als Deutschland und in Summe nur 10 Millionen Einwohner mehr als wir. Das kommt einem wirklich wenig vor, wenn man die Länge des Landes einmal mit eigenen Sinnen wahrgenommen hat. Die sozialistische Volksrepublik grenzt im Norden an China und im Westen an Laos und Kambodscha. Die zweitgrößte Stadt des Vietnam Hà Nội, im Norden, löste nach dem Vietnamkrieg die bis heute noch größte Stadt des Landes, Hồ Chí Minh (Sàigòn), als Hauptstadt ab. Hồ Chí Minh ist aber weiterhin der größte Verkehrsknotenpunkt und das kulturelle Zentrum des Vietnam.

        

Bei Einreise mit dem Flugzeug hat man die Wahl zwischen allerlei verschiedenen Arten von Visa. Bereist man das Land kürzer als 15 Tage, so darf man mittlerweile sogar ganz ohne Visum einreisen. Ich habe mich, weil ich insgesamt drei Wochen hier bin, für das Visa on arrival entschieden. Vorab registriert man sich online und von Deutschland aus für weniger als 10 € bei der vietnamesischen Einwanderungsbehörde, füllt ein paar Forumlare aus, pinnt Passfotos in die Ecken und kann ziemlich entspannt vor Ort an der langen Schlange vorbei schlendern und für weitere 25 USD sein Visum abholen. Beziehungsweise LÄSST vorbei schlendern: Denn noch vor der Zollabfertigung wird man von einem Vietnamesen, der Deinen Namen auf einem Schild mit sich trägt, abgeholt. Dieser schnappt sich die Pässe, die (vorab) ausgefüllten Dokumente und die jeweils 25 USD und kommt mit visumpräparierten Pässen wieder zurück. Wenn ihr, wie ich, zwischendurch in ein anderes Land fliegt oder reist (bei mir: Kambodscha), denkt daran, vorab ein „multiple entry“-Visum zu beantragen! Ansonsten erhält man automatisch ein „single entry“-Visum. Natürlich hatte ich nicht daran gedacht. Allerdings war das nicht weiter schlimm, da ich nach Kambodscha genau noch 14 Tage im Vietnam war und so nicht nochmals ein Visum kaufen mussten. Das wiederum wird einem aber eher ungern und selten gesagt – schon gar nicht von den Zollbeamten. Ich hatte das Glück, dass mir das die nette Lady eines kleinen Provinzreisebüro sagte, bei dem ich schon das neue Visum beantragen wollten, und mir 75 USD ersparte.

(Meine Flüge haben 410 € gekostet – wovon 390 € die Flughafensteuern waren -, weil ich einen längeren Aufenthalt in Abu Dhabi wählte. Man landet am späten Nachmittag, kann den Abend noch in der Stadt am Meer verbringen und morgens entspannt weiterfiegen. Wer die Zeit hat, sollte das unbedingt machen: Spart nicht nur Geld, sondern gibt auch einen interessanten Kurzeinblick in die Emirate.)

        

Was wirklich ganz wunderbar im Vietnam funktioniert sind Airbnb und Uber. Abgesehen von öffentlichen Reisebussen und dem Flugzeug, habe ich keine andere Alternative außer Uber genutzt. Die Autos sind absolut sauber und man spart sich die ständigen Preisverhandlungen, weiß aber, dass man fair bezahlt. Hier empfielt es sich allerdings, Vietnamesisch als Sprache im Google Translator offline herunter zu laden, da kaum ein Vietnamese außerhalb (oft auch innerhalb) der Touristenzentren auch nur ein Wort Englisch spricht. Blöd, wenn man die 20 Minuten zum „domestic airport“ vom „international airport“ mit Gepäck rennen muss, um seinen Flug nicht zu verpassen, weil der Fahrer den Unterschied nicht kennt …

Die Vietnamesen sind teilweise sehr abergläubig, also wundert euch nicht, wenn das 13. Zimmer oder ein 13. Stock fehlt.

Als Provider für SIM-Karten habe ich, aufgrund der guten Netzabdeckung, Mobifone gewählt. Abgesehen von den zahlreichen SMSen auf Vietnamesisch, bei denen ich bis heute nicht weiß, was sie bedeuten, war ich auch in den abgelegensten Orten vollkommen zufrieden. Lasst euch die Karten vor Ort im Laden oder am Flughafen direkt einlegen, um nicht Gefahr zu laufen, eine Kaputte zu haben. Dort werden auch alle Provider-Einstellungen vom Verkäufer vorgenommen, was ganz hilfreich ist, da diese auf Vietnamesisch sind.

 

Vorab zur besseren Übersicht meine Route:

Hồ Chí Minh > (über Đà Nẵng nach) Hội An > (über Đà Nẵng nach) Hà Nội > Hạ Long Bucht > Hà Nội > Kambodscha > (über Hồ Chí Minh nach) Cần Thơ > (über Hồ Chí Minh nach) Phú Quốc

 

Hồ Chí Minh Stadt (Saigon) ist laut, bunt, überfüllt und stinkt. Hier gibt es auf 8,5 Millionen Einwohner 9 Millionen Roller. Nach den ersten zehn Minuten Uber-Fahrt hatten wir schon zwanzig beinahe Crashs gebaut und nun einen echten. Mein Uber-Fahrer hat einen Fahrradfahrer angefahren. Mein Herz bleibt stehen. Aus Reflex will ich den Notruf wählen, bis mir klar wird, dass ich nicht in Deutschland bin. Der Uber-Fahrer steigt aus. Allerdings nicht, um dem Fahrradfahrer im absurd überfüllten, aus-3-Spuren-mach-9-Spuren, Saigon zu helfen oder etwa, um zu überprüfen, wie es ihm geht … nein … vor Wut?! Laut fluchend knallt er die Tür, packt den Fahrradfahrer und verfrachtet ihn mitsamt des Fahrrads sehr unsanft von der Straße auf den Bürgersteig (der, am Rande erwähnt, gerne von Rollerfahrern zum Überholen genutzt wird und somit nur geringfügig ungefährlicher ist). Nur im Seitenspiegel kann ich im Vorbeifahren erkennen, dass er „lediglich“ mit Platzwunde am Kopf aufsteht und sein Fahrrad schieben kann. Hallo, Vietnam. Was ein erster Eindruck.

        

Auch der zweite Eindruck machte es nicht besser. Mein Airbnb war im vierten Distrikt – ab dem zweiten Distrikt wird es schon sehr „echt“. Mit „echt“ meine ich: schmutzig. Hier finden sich normalerweise keine Touristen mehr. Dementsprechend echt sind auf die Streetfood-Restaurants (im Normalfall kann man hier alles relativ unbedenklich essen, nur – wie immer – das Eis in den Getränken weg lassen). Ich nehme Platz zwischen Locals, Essensresten und Tierkot. Auf der Speisekarte stehen Innereien, Geschlechtsorgane, Käfer-Delikatessen in jeglicher Variation – richtig schön mit Foto. Mmmhhh. Mein Kulturschock war perfekt und innerlich kam ich aus dem Lachen nicht mehr raus: So neben der Spur hatte ich mich noch nie erlebt!

        

Ich bestelle irgendeinen Hot Pot. Als die Köchin, die sich vorab die Nase mit den Händen abwischte und danach in rohen Tierinnereien herum matschte, die mit Sicherheit nicht ihren ersten Tag in der glühenden Sonne verbrachten, sah, dass ich nichts aß, dachte sie, ich wäre nicht mit der Situation, sondern mit den Essgewohnheiten überfordert. So kam sie mit zahnlosem Lächeln strahlend auf mich zu, packte mich bei den Händen und zeigte mir, wie ich meine Reisblätter rolle. Höflichkeit siegte über den Ekel und so biss ich in das vorher von ihr gerollte Röllchen und gab ihr zu verstehen, dass es gut schmeckte. Ihre vor Freude und Stolz funkelnden Augen brachen mein Eis.

        

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass der Vietnam mit großem Abstand das schmutzigste und stinkenste Land aller von mir vorher (und nachher) bereisten Länder in Südostasien ist, ist man nicht mehr so geschockt von dem, was um die nächste Ecke so auf einen warten kann. Brennende Müllberge, deren Flammen in jeglichen Blau-Grün-Variationen auflodern oder ähnliche gesundheitsgefährdende Leckereien sind hier ganz alltäglich. Geht man dann in den zweiten oder sogar ersten Distrikt, ist Saigon eine ganz normale Großstadt.

        

        

Um mir einen kleinen Überblick über die Stadt zu verschaffen, mache ich eine Rundfahrt mit einem der Red Busses. Hier kann man sich einfach mal berieseln und die ersten Eindrücke wirken lassen.

        

        

        

        

Im Ben Thanh Markt kriegt man alles, was der Herz begehrt und noch so vieles mehr! Wer Lust auf frische Früchte hat, darf sich welche aussuchen und bekommt sie ess-geh-fertig in die Hand gedrückt. Natürlich will jeder seine Ware verkaufen und hier geht es so laut und chaotisch zu, wie man es sich vorstellt.

        

Direkt gegenüber in einem kleinen, verwinkelten Hinterhof, der nicht sonderlich vertrauenserweckend wirkt, befindet sich das Bep Me In. Man findet es nicht sofort, doch es ist das beste Restaurant in ganz Saigon!

        

        

        

Ein weiteres absolutes Muss ist das War Remnants Museum. Ich habe bewusst keine Fotos von innen gemacht, weil es absolut unwürdig gewesen wäre. Das Museum ist alles andere als angenehm, aber es wird sehr anschaulich dargestellt, was damals im Vietnamkrieg passierte. Nicht zur Belustigung, sondern um sich das ganze Ausmaß einmal vor Augen zu halten, sollte man sich die Ausstellung ansehen. Allerdings völlig zurecht für Kinder ungeignet, weshalb man besser gar nicht erst mit ihnen rein geht, oder sie im Spielzimmer am Eingang des Museums zurück lässt. Noch heute sieht man im Vietnam Opfer oder Nachfahren derer, die von dem chemischen Entlaubungsmittel Agent Orange vergiftet wurden.

        

In Hội An laufen die Uhren langsamer. Hierher komme ich mit einem Inlandsflug nach Đà Nẵng. Allgemein reise ich die weiten Strecken im Inland ausschließlich mit dem Flugzeug, da ich nur drei Wochen Zeit habe und so viel Land kennenlernen möchten, wie möglich. Man sollte aber sein E-Mail Postfach und die Flüge immer gut im Auge behalten, da die kleinen Fluggesellschaften gerne mal spontan den Flugplan ändern oder Flüge ausfallen lassen. Wenn die eigenen Anrufe nicht mehr viel bewirken (bei mir hat das meist ausgereicht), einfach das Hotel oder den Vietnamesen des Vertrauens anrufen lassen, dann wird man entweder umgebucht oder der Flug geht ganz spontan doch noch.

        

        

        

        

Wenn im Norden und im Süden Trockenzeit ist, tobt hier der Monsun. Es ist aber immer noch schön warm, also ziehe ich die Flip Flops an und erkunde die (teilweise wirklich überflutete) Stadt, die heute zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Für die Innenstadt muss man tagsüber etwa 6 USD Eintritt bezahlen, abends kassiert hier aber niemand mehr ab. Der Eintritt für sämtliche Sehenswürdigkeiten ist in den 6 USD auch schon inbegriffen. An allen Eingängen muss man lediglich sein Ticket vorzeigen und darf eintreten.

         

        

        

Die Stadt ist bunt, dekoriert, klein, es hängt der Geruch von Räucherstäbchen in der Luft und hinter jeder Ladentür verbirgt sich eine neue handgemachte Schatzinsel, weshalb ich mich wirklich zwingen muss, das Portemonnaie im Rucksack zu lassen, da ich gar nicht den Platz für alles in meinem Gepäck hätte. Die Innenstadt ist reine Fußgängerzone (auch wenn sich die Rollerfahrer nicht immer daran halten), was einen Spaziergang und das Sightseeing doch deutlich entspannter macht, als in größeren Städten.

        

                 

        

         

        

        

Wer auf der Suche nach maßgeschneiderten Klamotten ist, ist in Hội An genau richtig aufgehoben. Neben kommerziellen, überteuerten und qualitativ mangelhaften Schneiderein, wie z.B. Kim, finden sich auch wahre Kunsthandwerker. Ich habe mich auf Empfehlung Canali anvertraut und wurden nicht enttäuscht (auch noch über 12 Monate später sitzen die Sachen perfekt und sehen aus wie neu). Die Schneiderei ist ein Familienbetrieb und schafft es notfalls einen atemberaubend schönen Blazer in weniger als 24h zu schneidern, weil der Flug vorverlegt wurde. Wow! Zudem sind sie unglaublich freundlich und haben sehr gute Tipps und Ideen.

        

Kulinarisch wird man hier definitiv auch auf seine Kosten kommen. Da immer mehr Tourismus in die Stadt kommt, sprießen auch immer mehr Restaurants aus dem Boden – hier ist für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas dabei.

        

        

        

Traditionell für den Vietnam ist das Water Puppet Theatre. Meist Frauen erzählen mit Wasserpuppen vietnamesische Märchen nach, begleitet wird das Ganze musikalisch. Jede Vorstellung ist stets gut besucht – nicht nur von Touristen, denn die meisten Vorstellungen sind nur auf Vietnamesisch. Wie auch meine. Also reimte ich mir die Geschichte selber zusammen und versuchten, die Water Puppets gemeinsam mit meinem Nebensitzer zu synchronisieren. Interessant, was Fuchur hier so alles erlebt hat!

        

        

        

        

Ich verbringe Silvester hier. An Silvestern dürfen aus Brandschutzgründen keine Raketen gezündet werden, deshalb ist es Tradition (für 1 USD) kleine brennende Papierbote in den Fluss zu lassen. Jedes Bötchen ist ein Wunsch, der in Erfüllung geht. Um Punkt 21.00 Uhr hörte es auf zu regnen! Gerade noch rechtzeitig, bevor die Floating Lanterns auf Grund des Wetter abgesagt werden würden.

        

        

        

Nach Hà Nội flog ich wieder ab Đà Nẵng. Die nationalen Flughäfen / Terminals sind so grundlegend anders als die hübsch aufbereiteten internationalen. Wer nicht im Land fliegt, aber etwas Zeit übrig hat, sollte sich unbedingt eine Zeit lang mit einem Kaffee oder Mittagessen hinsetzen und diesen wuseligen und lauten Menschenhaufen beobachten.

        

In Vietnams Hauptstadt kann man nicht so viel unternehmen wie in Hồ Chí Minh und mir war auch nicht danach. Also schlenderte ich den ganzen Tag durch die Stadt, gönnte mir eine Massage nach der anderen und tat das, was ich am besten kann: Essen.

        

        

Die beste Pizza, die ich weltweit jemals gegessen habe, gibt es hier: Pizza 4 P’s. Sie war, ungelogen, so lecker, dass ich versuche, entweder einmal wieder nach Hà Nội zu fliegen oder irgendeinen Flug so zu buchen, dass ich in Hà Nội (genügend) Aufenthalt habe, um diese Pizza nochmal essen zu dürfen!

Hà Nội ist wesentlich ruhiger als sein großer Bruder im Süden. So kann man tatsächlich in manchen Ecken der Stadt einfach nur bummeln gehen, solange die Backpacker noch alle ihren Kater ausschlafen. Abends erwacht die Stadt dann mit einem Schlag in ihrem Zentrum und die Straßen sind so voller Menschen, dass keine Autos mehr durch kommen.

        

        

        

Früh morgens geht es für mich auf den Weg in die Hạ Long Bucht, einem weiteren UNESCO Weltnaturerbe, das das Land beheimatet. Ganz untypisch für mich, gönne ich mir eine Luxus-Cruise mit einer Übernachtung in der Hạ Long Bucht auf dem Schiff.

        

Da das Meer an allen Ecken von den Karbonatgesteinsformen gebrochen wird, ist es absolut ruhig und nahezu kein Wellengang vorhanden. Auch der Schall wird fast vollkommen geschluckt und es macht sich ein Gefühl von unendlicher Ruhe und Entspanntheit breit. Wirklich faszinierend.

        

        

Einst war die Hạ Long Bucht („Die Bucht des untertauchenden Drachen“) Heimat von Seeräubern und Wassernormaden, heute beheimatet sie deren Nachfahren. Es heißt, dass ein riesiger Drache chinesische Eroberer in die Flucht schlug und dabei mit seinem schleudernden Schwanz tiefe Furchen in die Landschaft zog. Als der Drache ins Meer abtauchte, wurden diese überflutet. So besagt die Legende die Entstehung der Bucht.

Über 1.000 Menschen leben noch im Wasser der Hạ Long Bucht. Sie wohnen auf teilweise zu Dörfern aneinander gebundenen Haus-Inselchen und gehen auch hier zur Schule. Dort lernen sie neben Lesen, Schreiben und Mathematik auch das Handwerk der Fischerei. Sogar ihre Haushunde leben gemeinsam mit ihnen auf den paar Quadratmetern. Bei einer kleinen Rundfahrt in einer einbaumähnlichen Nussschale durfte ich ihr Dorf, ihre Fischzucht und auch sie kennenlernen.

        

        

        

Nach dem Ausflug hatte ich die Wahl zwischen drei Aktivitäten. Ich entschied mich für das am Spannensten klingende: Squidfishing. Am Horizont sieht man sie, die Squidfishingboote mit ihren eine-Millionen-Watt-Strahlern und ich bereitete mich schonmal mental darauf vor, bald mit ihnen das offene Wasser zu beschiffen … naja … ganz so cool war es dann doch nicht. Mit einem Baustrahler wurde vom Schiff aus ins Wasser geleuchtet und wir bekamen einen Stock in die Hand, an dessen Ende eine Schnur mit Haken hing. Diesen Stock sollten wir in ruckartigen Bewegungen ins Wasser tauchen und wieder heraus ziehen. Nach etwa 45 Minuten fragte ich die Crew, wann denn hier das letzte Mal etwas gefangen wurde. Die Antwort: vor etwa drei Monaten. So gab ich meine Karriere als professionelle Squidfisherin auch wieder auf.

Zum Abendessen gab ich mich gemeinsam mit den anderen dem Tourismus hin und kleidete mich (selbstverständlich nach einer einstündigen Massage unter Deck) in traditionelle Tracht … (Nein. Davon gibt es bewusst kein Foto.)

… um am nächsten Morgen mit folgendem Ausblick belohnt zu werden (Das Foto ist gänzlich unbearbeitet!):

Nach dem Frühstück und bevor es wieder auf’s Festland ging, besuchte ich noch eine der riesen großen Tropfsteinhöhlen, die Sung Sot Cave, mit einer Deckenhöhe von über 30 Metern, die zu den neuen Weltwundern gezählt wird. Die beiden Kammern im Inneren sind so unfassbar groß, dass man das auf den Fotos vermutlich gar nicht richtig erkennen kann.

        

Das Mekong-Delta bereiste ich von Cần Thơ aus, da es hier wesentlich untouristischer ist als in My Thơ und sich in Cần Thơ der größte aller Floating Markets befindet. Die Tour durch das Delta, über den Market beginnt bereits um 3.30 Uhr morgens. Mein Guide, ein lokaler Student, steigt mit mir gemeinsam in das Boot einer Einheimischen, die leider kein Englisch spricht, aber mein Guide hat Spaß am Dolmetschen. Diese Nussschale ist nicht wesentlich größer als die in der Hạ Long Bucht, zusätzlich herrscht aber natürlich deutlich stärkerer Wellengang. Wow, wie wohl ich mich fühle. Angetrieben werden wir durch einen umgebauten Rasenmähermotor.

        

Jeder Händler des Floating Markets ist nahezu auf nur einen Anbau spezialisiert. An den langen Stöcken hängt jeweils das Gut, das er betreibt, damit man schon von Weitem erkennen kann, was er verkauft. Eingekauft werden kann hier im Normalfall nur in großen Mengen, aber meine Bootsführerin hat wohl gute Kontakte und kann hier und da ein paar einzelne Früchte raushandeln, die sie dann im braunen Mekong-Wasser für mich wäscht. Na toll. Wieder siegt hier die Höflichkeit über den Ekel.

        

        

        

Die hier lebenden Menschen machen wirklich alles in und mit ihrem Mekong. Wirklich alles. Sie waschen ihre Wäsche, entsorgen ihren Müll, gehen auf Toilette, waschen sich in ihm und alles, was man eben noch so machen kann. Dass hier überhaupt noch Fische existieren, verwundert mich. Die Wassertropfen, die während der Fahrt spritzen, brennen wie verrückt in den Augen, sodass ich meine Sonnenbrille zum Schutz anziehe. In den Ästen der Mangroven hängt nicht nur Müll, Plastik und Schrott, sondern auch Dinge, wie ein gebrauchter Katheter samt Beutel. Mmmhhh. Die Einwohner zerstören ihre Lebensgrundlage und es ist ihnen nicht einmal bewusst. Alle paar Minuten verfängt sich in der Schraube unseres Motors ein Stück Plastikfolie, die mein Guide verantwortungsbewusst aus dem Wasser fischt, um sie später ordentlich zu entsorgen – wenigstens einer. Dann passiert es: Der Motor springt nicht mehr an und ist kaputt. Mein kleiner Albtraum ist wahr geworden – mit Wellengang gefangen auf einem Streichholz, in der größten Dreckbrühe, die man sich vorstellen kann. Alles halb so wild. Das nächste Boot schleppt uns ab und unser Motor wird in der nächsten Flusswerkstatt repariert. Weiter geht die Fahrt zu einer kleinen Glasnudelfarm.

        

        

Unterwegs sammelt die Bootsfahrerin fleißig Blätter, um mich während der Fahrt immer wieder mit neuen Bastelleien zu überraschen.

        

Nach einem Spaziergang durch das Hinterland des Mekong, vorbei an Fruchtplantagen und kleinen Dörfern, erreichen wir eine Schlangenfarm. Diese zeigt mir mein Guide nicht zur Belustigung, sondern eher zur Abschreckung. Und es ist tatsächlich schrecklich, was ich sehe. Während er vorne Schmiere steht, mache ich drinnen Fotos, um sie auf seinen Wunsch zu veröffentlichen, in der Hoffnung, Menschen werden endlich abgeschreckt: Paralysierte, lebenslänglich in Käfige gesperrte und unter Drogen gesetzte Schlangen häufen sich. Sind sie groß genug, wird ihnen lebend der Kopf abgetrennt und der Körper so voll mit Wasser gefüllt, dass er sich dehnt, um die Haut zu weiten. Um den Effekt noch zu verstärken, laufen erwachsene Männer auf ihnen herum. Grausam. Dann wird sie auseinander geschnitten und in der Sonne auf Bretter genagelt zum Trocknen ausgebreitet. Hallo, Handtasche.

        

Das war die Werkstatt, die unseren Motor vom Fluss aus reparierte.

        

        

Nach etwa 10 Stunden Fahrt auf dem Wasser, legen wir mit dem Boot wieder an Land an.

        

        

        

        

        

        

Am nächsten Tag beschließe ich mit dem Neffen meiner Airbnb-Mama eine Fahrrad-Tour in sein Heimatdorf zu machen. Er möchte mich unbedingt seinen Freunden vorstellen und eine Ziegelsteinfabrik zeigen, in der jeder einzelne Stein von Hand gefertigt wird und die Grundlage jedes Hauses der Dörfer ist. Auf dem Weg erzählt er mir von sich. Davon, dass er sein Englisch aufbessern möchte, um als Reiseleiter Geld zu verdienen. Er sei froh über die Chance, mit mir üben zu dürfen. Seit einem Jahr kann der Zwölfjährige die Schule nicht mehr besuchen, weil der Staat nur die Grundschulen subventioniert und man ab der 6. Klasse € 10,00 Schulgeld im Monat bezahlen muss – Geld, dass er und seine Familie nicht haben. Wie gerne würde ich ihm monatlich diese Unkosten bezahlen, aber er hat kein Konto, auf das ich ihm Geld überweisen können. Doch er versichert mir, dass er glücklich ist und er eh lieber Reiseleiter werden möchte, weil man damit am besten Geld verdienen kann. Also üben wir weiter Englisch und ich erzähle ihm von Deutschland, während er mir seine Welt zeigt.

        

        

        

In seinem Heimatdorf angekommen, begrüßt uns schon seine Tante (unsere Airbnb-Mama), die gekocht hat. Ich werde umzingelt von kleinen Fans und  bekomme am laufenden Band Blumen geschenkt oder in die Haare geflochten. So sitzen wir noch bis spät in den Abend zusammen. Was ein schöner Abend …

Für den Rückweg nach Saigon habe ich mir einen Bus gebucht. Planmäßig braucht er für die Strecke zweieinhalb Stunden. Auf dem Hinweg, in Anbetracht der kurzen Nacht, wollte ich schlau und schneller sein, indem ich mit dem Uber die 200 km von Saigon nach Cần Thơ fahre. Allerdings fuhr mein Fahrer so spritsparend, dass wir über fünf Stunden brauchten! Der Bus auf dem Rückweg fuhr zwar wesentlich abenteuerlicher, aber schaffte die Strecke in der angegebenen Zeit. Was ich erst im Nachhinein erfuhr ist, dass Cần Thơ einen Flughafen hat und ich mir einiges Hin und Her erspart hätte, wenn ich diesen einfach angeflogen hätte. Man findet ihn aber nicht über Flugsuchmaschinen wie skyscanner o.Ä., sondern nur direkt auf der Seite der Airlines.

        

Die letzten Tage verbringe ich als wohlverdienten Urlaub auf der Trauminsel Phú Quốc. Zumindest sagt man, es sei eine Trauminsel. Ich fühlte mich in meinem Resort so unendlich wohl und der Strand war so perfekt, dass ich ausnahmsweise keinen einzigen Schritt vor die Tür tat und mir einfach nur mit den Füßen im Sand die Sonne auf den Bauch scheinen ließ. Im Januar 2017 wurden schon die ersten Betonfundamente für Hotelriesen gegossen. Ich hoffe, es ist noch nicht allzu spät, die Insel so zu erleben, wie sie ursprünglich war. Beeilt euch lieber!

        

        

        

Der Vietnam war ein Kulturschock auf allen Ebenen, aber wieder einer, der mich nachhaltig verändert hat. Vor allem in Bezug auf Bildung und Umweltschutz sehe ich die Welt nochmals mit ganz anderes Augen, als ich es eh schon vorher tat. Welch ein Privileg es doch ist, nach all meinen Abenteuern immer wieder nach Deutschland zurück kehren zu dürfen, wo die Welt so gut wie heile ist …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.