Warum Elefanten so lange Nasen haben

Zu Anbeginn der Zeit erschuf Mama Afrika alle Tiere des afrikanischen Busches aus den Wurzeln des Baobab Baumes: Säugetiere, Reptilien und Amphibien, Vögel und auch jedes noch so kleine Insekt. Die meisten dieser Tiere sehen heute noch genauso aus wie damals. Aber nicht alle – manche haben sich seitdem verändert.

Eines dieser veränderten Tiere ist der Elefant. Damals hatte er noch nicht so einen langen Rüssel wie heute, sondern eine kleine Schnüffelschnauze, die aussah wie die von einem Schwein. Wie Du weißt, sind Elefanten sehr große Tiere und wiegen richtig viel. Deshalb war Essen und Trinken für die damaligen Elefanten mit ihrer Schweineschnauze eine schwierige Aufgabe. Sie mussten von früh bis spät und sogar bis tief in die Nacht hinein – ohne auch nur eine kleinste Pause – essen, um ihren gewaltig großen Körper irgendwie zu sättigen. Trinken war sogar noch viel komplizierter: Dafür musste sich der Elefant an Wasserlöchern hinknien und literweise Wasser schlucken, um seinen Durst zu befriedigen. War er dann fertig, musste er seinen massigen Körper irgendwie wieder hoch bekommen … Wie du siehst: Essen und Trinken waren damals so arbeitsaufwendig und zeitintensiv, dass die Elefanten gar keine Zeit mehr hatten, ihren Hobbys nachzugehen. Das fanden sie alle sehr schade.

Eines Tages inmitten der Trockenzeit – als die meisten kleineren Wasserlöcher bereits ausgetrocknet waren – wanderte eine große Herde Elefanten viele Kilometer weit, bis sie endlich ein Wasserloch fanden, das groß genug war, damit jedes Mitglied der Herde seinen Durst stillen konnte.

In diesem Wasserloch wohnte allerdings schon ein anderes, großes Tier: Ein Krokodil. Auch für das Krokodil war gerade Trockenzeit und da sein Wasserloch täglich kleiner wurde und das Wasser darin minütlich verdunstete, wurde auch seine fischige Hauptnahrungsquelle täglich weniger. Das Krokodil hatte schon Tage lang nichts mehr gegessen und war deshalb heute ausgesprochen hungrig. Geduldig und mit knurrendem Magen lag es schon seit Stunden auf einer Sandbank und sonnte sich.

Als das Krokodil die Herde näherkommen sah, ließ es sich lautlos von seiner Sandbank ins trübe Wasser gleiten. Ohne auch nur die kleinste Welle zu verursachen, schwamm das Krokodil zu der Stelle des Wasserlochs, an der sich die Elefanten zum Trinken hinknieen würden. Lediglich seine Augen und Nasenlöcher waren zu sehen. Noch nicht einmal die kleinen, neugierigen Affen hoch oben in den Bäumen, konnten das Krokodil dort erahnen, wo es sich jetzt auf die Lauer legte.

Die Elefanten trotteten ihren üblichen Pfad hinab zum sandigen Ufer. Dort sanken sie mühselig auf ihre Knie und tranken in großen, durstigen Schlucken das erfrischende Wasser. Sofort erkannte das Krokodil seine Chance und – SCHNAPP!! – mit einem großen, schnellen Satz stürzte es sich auf den jungen Elefantenbullen, der ihm am nächsten war.

Die restlichen Mitglieder der Elefantenherde sprangen in Windeseile auf ihre Füße und tröteten ängstlich. Vor lauter Schreck drehten sie sich einmal um ihre eigene Achse und suchten schnellstmöglich das Weite.

„Hee, lass mich wieder los!“ Der arme, junge Bulle versuchte verzweifelt das Krokodil von seiner Schweineschnauze abzuschütteln. Nachdem sich der Großteil der Herde von ihrem Schreck erholte, versuchten einige der anderen Elefanten, den jungen Bullen irgendwie zu fassen zu kriegen, um ihm zu helfen. Aber das war ohne richtige Hände gar nicht so einfach. Ein heftiges Tauziehen begann und das Krokodil musste mit all seiner Kraft und seinem gesamten Körpergewicht dagegenhalten. Der junge Elefantenbulle war nämlich schon gar nicht mehr ganz so klein und brachte ein stattliches Gewicht auf die Waage. Mit voller Kraft versuchte er sich noch schwerer zu machen als er eh schon war und trotz schmerzender Schnauze konnte er mit Hilfe der anderen Elefanten dagegenhalten und sich sogar vielleicht noch retten.

„Festhalten und ziehen! Wir schaffen das, meine lieben Elefanten!“ Stunden um Stunden kämpften die Tiere und zogen so fest sie konnten – aber das Einzige, das nachgab, war die Schnauze des Elefanten. Mit jedem weiteren kräftigen Ruck dehnte sie sich in die Länge. Das Tauziehen ging immer weiter und auch immer weiter dehnte sich die Schnauze des Elefanten, bis das Krokodil all seine Energie aufgebraucht hatte und schlussendlich losließ. Erschöpft, enttäuscht und immer noch hungrig ließ es sich frustriert in das Wasserloch zurückgleiten. „Ach man. Jetzt muss ich schon wieder ohne Mahlzeit ins Bett.“, schmollte das Krokodil.

Ganz überrascht von seinem plötzlichen Sieg, purzelte der Elefant rücklings in den Sand. Die anderen Elefanten versammelten sich um den jungen Bullen und feierten trötend seinen Sieg.

„Wie sieht der denn aus?!“ Als sie sahen, dass der kleine Elefant nicht schlimm verletzt war, jedoch eine ganz komische Nase hatte, brachen sie in großes Lachen aus. Der kleine Elefant fühlte sich gedemütigt und war ganz traurig. Vor allem weil seine arme, gebeutelte Nase nach dem Tauziehen arg schmerzte und ganz empfindlich war. Als er sich vorbeugte, um sein Spiegelbild in der Reflexion des Wassers zu betrachten, stellte er erschrocken fest, dass er nun wirklich der seltsamste Elefant war, den er jemals gesehen hatte.

Statt der üblichen Schnauze hatte er jetzt einen langen, gummiartigen Rüssel, der bis zum Boden reichte. Was er auch versuchte, er schaffte es einfach nicht, den Rüssel wieder auf seine übliche Größe schrumpfen zu lassen – da half kein noch so festes Einatmen oder Luftanhalten. Die anderen Elefanten machten sich jetzt nur noch mehr über ihn lustig …

Die Tage vergingen, die Wunden verheilten und der Schmerz klang zwar ab, jedoch wollte sein wabbeliger, nutzloser Rüssel einfach nicht auf seine Normalgröße zurück schrumpfen. Der kleine Elefant verbrachte immer mehr Zeit in Einsamkeit, getrennt von der restlichen Herde. Schließlich kam er zu der Einsicht, dass er sein komisches, neues Aussehen einfach nicht mehr loswerden würde und er lernen musste, damit zu leben. Ja, vielleicht würde ihm eine Veränderung sogar guttun? Langsam, aber sicher freundete er sich mit seinem Rüssel an und fand heraus, wie er ihn als richtiges Werkzeug nutzen konnte:

Er lernte, wie viel einfacher er sich das Essen und Trinken mit seinem Rüssel machen konnte. So einfach sogar, dass er auf einmal wieder mehr Zeit für seine ganzen Hobbys hatte. Er konnte seinen Rüssel als Schnorchel nutzen, wenn er mal wieder durch ein Flussbett durchschwimmen musste, das tiefer war als er selbst. Auch konnte er damit viel besser erschnüffeln, ob Gefahr in der Nähe war oder wo sich der Rest der Herde befand. Die saftigsten Früchte und grünsten Blätter konnte er direkt aus der Baumkrone pflücken, ohne warten zu müssen, bis sie überreif und stinkend auf den Boden fielen. Leeeecker! Die zartesten Grasbüschel entwurzelte er auf einmal ganz sanft mit seinem Rüssel und steckte sie als Ganzes in seinen Mund. Und wenn ihn mal wieder der Rücken juckte, so hob er einfach irgendeinen Stock vom Boden auf, um genau die Stelle zu kratzen, die ihn wahnsinnig machte.

Als die anderen Elefanten den jungen Bullen so in seinem Alltag beobachteten und sahen was für einen großen Vorteil dieser Rüssel so mit sich bringt, hörten sie schnell auf, sich über ihn lustig zu machen. Stattdessen beobachteten sie ihn staunend mit offen Mündern. Anstatt aber zuzugeben, dass ihnen ihr gemeines Verhalten leidtut und sie im Unrecht waren, schlich sich ein Elefant nach dem anderen zum Wasserloch und versuchte das darin lebende Krokodil zu überreden, auch ihm die Nase lang zu ziehen. Sie alle wollten auch so einen tollen, nützlichen Rüssel – koste es, was es wolle! Warum sich das Krokodil all diese ermüdenden Zweikämpfe antat, kann niemand genau sagen. Aber eins ist klar: Hunger hat das Krokodil noch bis heute.

Der junge Elefantenbulle sah schmunzelnd zu, wie immer mehr Mitglieder der Herde einen langen Rüssel hatten und verzweifelt versuchten mit ihm umzugehen. Eines Abends beim gemeinsamen Abendessen stand die Leitkuh auf und räusperte sich verlegen: „Lieber, kleiner Elefant. Wir alle schulden dir noch eine richtige Entschuldigung, weil wir so gemein zu dir waren. Nachdem wir gesehen haben, wie praktisch deine neue Nase ist, war es uns unangenehm zuzugeben, dass wir im Unrecht waren. Kannst du uns verzeihen?“

Der kleine Elefant freute sich sehr über die Entschuldigung und merkte, dass es dem Rest der Herde wirklich leidtat. „Weil ihr euch so lieb bei mir entschuldigt habt, verzeihe ich euch gerne. Wenn ihr wollt, kann ich euch morgen nach dem Frühstück zeigen, was so ein Rüssel alles kann und wie er funktioniert!“

Die Herde trötete überglücklich!

Vor lauter Vorfreude konnten die Elefanten kaum schlafen und waren deshalb alle sehr früh wach. Endlich würden sie lernen, wie dieser wabbelige Rüssel richtig funktioniert! Und so zeigte es ihnen der kleine Elefant und erklärte geduldig, was er bereits alles gelernt hatte.

Nun, da jeder einzelne von ihnen endlich mehr Zeit seinen und ihren Hobbies nachzugehen, sah man die Herde tagsüber oft zusammen Tennis spielen. Viele von ihnen lernten nun auch gemeinsam Gefäße zu töpfern, um die ganzen leckeren Früchte einzulagern, an die sie nun endlich rankamen.

Auch heute noch muss jeder kleine Elefant erst einmal herausfinden, wie er mit seinem wabbeligen, gummiartigen Rüssel umzugehen hat.  Weil die älteren Elefanten das aber nun schon wissen, erklären sie es ihnen aber gerne und zeigen ihnen, warum man zum Essen und Trinken nicht mehr auf die Knie gehen muss.

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