Warum Nilpferde Vegetarier sind und im Wasser leben

Vor langer, langer Zeit lebten Flusspferde nicht in Flüssen und Tümpeln, sondern zusammen mit den anderen Tieren im Busch. Damals hatte das Nilpferd ein sehr feines Fell aus glänzendem, goldenem Haar. Es hatte seidige, weiche Ohren und einen schönen buschigen Schwanz, auf den es wirklich stolz war.

Jeden Tag zur Mittagszeit, wenn es wieder durstig war, verbrachte das Nilpferd Stunden damit, sein eigenes Spiegelbild im Wasser zu betrachten, indem es sich hin und her und wieder zurück drehte, um sich aus jedem Winkel zu bewundern. Das Nilpferd war so eitel, dass es von allen anderen Tieren verlangte, tagein tagaus für seine Schönheit angehimmelt zu werden.

Eines Tages, als das Nilpferd mal wieder am Ufer stand und sein eigenes Spiegelbild bewunderte, sagte es zu sich selbst: „Oh, wie schön ich doch bin! So viel schöner als dieser Hase, mit seinem groben und stumpfen Fell und dieser komischen Mümmel-Nase. Was für einen lächerlich kurzen Schwanz er doch hat und wie tölpelhaft er hoppelt! Pffff!“ Das Nilpferd rümpfte seine Nase.

Blöd für das Nilpferd war allerdings, dass der Hase zufällig in der Nähe war und hörte, was das Nilpferd sagte. Der Hase war verletzt und sauer und beschloss deshalb, dass das Nilpferd eine Lektion lernen sollte.

Nachdem der Hase eine Weile lang überlegte, wie er dies am besten anstellen könnte, hatte er eine Idee: Jeden Abend, bevor sich das Nilpferd zum Schlafen ins Gebüsch kuschelte, legte es sein Fell ab. Das Fell sollte schließlich nachts nicht verstrubbeln oder abknicken und außerdem konnte es das Nilpferd dann minutenlang bürsten, bis es ganz weich und glänzend war.

Der Hase hatte schon öfter die Siedelwebervögel dabei beobachtet, wie sie ihre riesigen, teilweise sehr unförmigen Nester bauen: Das sind große, goldene Gebilde aus sehr trockenen Gräsern, in denen unzählige Vogelfamilien zusammenleben. Das Gold der trockenen Gräser und die ausgefallenen Konstruktionen der Nester sahen fast so aus wie das Fell des Nilpferds …

Der Hase wartete, bis das Nilpferd eines abends wieder einmal sein Fell ablegte und eine gefühlte Ewigkeit bürstend bewunderte. Bevor sich das Nilpferd in seine endgültige Schlafposition begab, hing es sein Fell ordentlich über einen niedrigen Ast, wo es auch vor all den kleinen Krabbeltierchen am Boden geschützt war. Das Nilpferd begann leise zu schnarchen und so wusste der Hase, dass es tief und fest schlief. „Jetzt!“ Er pfiff seine Freunde, die Siedelwebervögel, zusammen. In Windeseile flog ein großer Schwarm herbei, schnappte sich das Fell und hing es in die höchste Baumkrone, die sie finden konnten. Sogleich fingen sie an, darin ein weiteres Nest zu bauen…

Am nächsten Morgen – die ersten Vögel zwitscherten schon unschuldig in den Bäumen – wachte das Nilpferd mit einem großen Gähnen auf. Es putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht, streifte sein Fell über … doch halt! Was war das? Wo war sein Fell?! Das Nilpferd konnte es nirgends finden!

Panisch stürmte es zum Fluss hinunter, um seine Spiegelung im Wasser zu überprüfen… und bekam einen gewaltigen Schreck! Im Wasser spiegelte sich eine rosagraue, faltige und kahle Kreatur, die gar nichts mit dem zauberhaften Wesen gemeinsam hatte, das es da sonst immer sah. Es konnte seinen Augen nicht trauen.  Ohne das feine, glänzende Fell, sah das Nilpferd einfach nicht mehr so schön aus, wie sonst jeden Morgen…

Es schämte sich, eilte sofort ins Wasser und tauchte unter, um seinen felllosen Körper vor all den neugierigen Blicken zu verstecken. Vor Scham über sein schreckliches Aussehen, sank es weinend unter die Wasseroberfläche, sodass nur noch seine Nasenlöcher und Augen zu sehen waren, wenn es zum Luftholen an die Oberfläche kam.

Dort unter Wasser blieb es tagein tagaus voller Scham. Das Nilpferd wollte jetzt ein Lebewesen des Wassers sein und nur nachts, wenn es dunkel genug war, um von niemandem gesehen zu werden, herauskommen, um spazieren zu gehen und zu essen. Denn außerhalb des Wassers aß das Nilpferd eigentlich immer Gras und Gras wächst schließlich nicht im Wasser, sondern nur an Land.

Mama Afrika beobachtete jedoch skeptisch, wie das Nilpferd im Wasser plantsche. „Dein Maul ist so groß, deine Zähne sind so lang und scharf und dein Appetit aufgrund deiner Größe so gewaltig, dass ich Angst habe, du frisst fortan alle Fische auf!“, sagte sie zu ihm. Außerdem hatte Mama Afrika den Platz bereits einem anderen Raubtier vermacht: dem Krokodil. „Ich kann nicht zwei Arten von großen, hungrigen Tieren im Wasser leben lassen, sonst sind am Ende noch ruck-zuck alle Fische weg.“, beendete Mama Afrika ihre Bedenken. Also lehnte Mama Afrika die Bitte des Nilpferds ab, ins Wasser umziehen zu dürfen und sagte ihm, dass es stattdessen weiterhin an Land leben müsse.

Auf diese Nachricht hin begann das Nilpferd zu schluchzen, zu weinen und zu jammern und machte die fürchterlichsten Geräusche. „Bitte, bitte!“ Das Nilpferd flehte und flehte Mama Afrika an, die schließlich einlenkte: „Aber nur unter der Bedingung, dass Du, wenn Du im Wasser lebst, niemals einen Fisch auch nur anknabbern wirst. Stattdessen musst du mir versprechen, weiterhin ausschließlich Gras zu fressen.“ Das Nilpferd versprach es feierlich und eilte vor Freude grunzend zum Fluss.

Die Tage vergingen und mit jedem neuen Morgen merkte das Nilpferd immer mehr, wie schön sein neues Leben im Wasser und ohne Fell eigentlich war: „Ohne das ständige Bürsten, kann ich morgens viel länger schlafen. Weil ich nicht mehr ständig darauf aufpassen muss, ob mein Fell schmutzig wird oder nicht, kann ich viel schöner im Wasser und nun auch im Schlamm plantschen. Und ohne meine ständige Eitelkeit und Arroganz, habe ich auf einmal auch viel mehr Freunde.“, freute es sich. Sogar mit dem Hasen schloss das Nilpferd am Ende noch eine Freundschaft!

Zwar war das Nilpferd mittlerweile viel glücklicher ohne sein Fell im Wasser und hatte dem Hasen schon längst verziehen, doch trotzdem wollte Mama Afrika den gemeinen Streich des Hasen nicht ganz ungestraft lassen. Und so geschah es, dass sie dem Hasen die Ohren lang zog … aber das ist eine andere Geschichte.

Bis zum heutigen Tag streuen Nilpferde übrigens ihren Kot am Flussufer propellerartig durch die Luft und öffnen mehrmals täglich weit ihr Maul, damit Mama Afrika sehen kann, dass beides keine Fischgräten enthält und sie weiterhin Vegetarier sind.

Manchmal, wenn du nachts genau hinhörst, kannst du das Nilpferd noch vor Freude darüber grunzen hören, dass es doch im Wasser leben darf.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected