Namibia

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Wow. Afrika. Und wieder einmal machst Du mich sprachlos vor Glück.

In meinem Kopf tanzen zahlreiche Eindrücke und mein Herz ist bis unter den Rand gefüllt von Erinnerungen. Fast zwei Wochen lang habe ich versucht, einen roten Faden für diesen Blogbeitrag zu spinnen, aber so ganz will mir das nicht gelingen. Also habe ich beschlossen einfach drauf los zu schreiben und mich selber davon überraschen zu lassen, worauf dieser Blogpost hinauslaufen wird.

Wo fange ich am besten an … ?! Es ist Dienstagmittag und mit viel zu viel Zeit im Gepäck – klassische Bahia-Reisezeitrechnung – mache ich mich auf den Weg zum Münchner Flughafen. Ich fliege über Frankfurt, um dort mit meiner Mama, ihrem Mann Michael und zwei meiner Cousinen Lara und Mona über Äthiopien nach Namibia zu fliegen. Drei Stunden und 45 Minuten vor Abflug habe ich bereits mein Gepäck aufgegeben, am Vortag online eingecheckt und erfolgreich die Sicherheitskontrolle passiert. Glücklich darüber, dass alles reibungslos klappt und tiefenentspannt dank ausreichender Vorlaufzeit, sitze ich mit Buch am Flughafen, trinke einen Kaffee und esse eine Kleinigkeit dazu. Eine Arbeitskollegin sieht meinen Post auf Instagram, antwortet, dass sie wenige Minuten vor meinem Abflug ebenfalls im Münchner Transit sein wird und wir witzeln noch darüber, dass mein Flug sich doch bitte um ein paar wenige Minuten verspäten soll, damit wir uns noch auf eine schnelle Umarmung treffen können. Be careful what you wish for … Mein Boarding beginnt pünktlich, ich habe gerade als Letzte die ersten Schritte in den Tunnel zu meinem Flugzeug gemacht, als Theresa im Transit, genau an meinem Gate, die Treppe hochkommt – Schade! Haben wir uns also wirklich nur um wenige Augenblicke verpasst.

Boarding completed. Wenige Sekunden später folgende Durchsage:“Aufgrund Unwetter in Frankfurt verschiebt sich unser Start um bis zu 60 Minuten. Die Landing-Slots in Frankfurt mussten aufgrund des Unwetters neu organisiert werden und hoffentlich in Kürze erhalten wir unseren neuen. Wenn wir Glück haben, können wir aber schon innerhalb der nächsten 30-45 Minuten starten, da wir uns als abflugbereit erklärt haben.“ Wow. In Frankfurt habe ich eigentlich exakt 50 Minuten Zeit, um meinen Anschlussflug zu erwischen. Vorsichtshalber schreibe ich meiner Mama, damit sie Bescheid weiß, notfalls dem Flugpersonal Bescheid geben kann oder – wenn es doof läuft – ich einen Tag später nachfliegen werde. Zum aktuellen Zeitpunkt sind wir alle noch sehr entspannt. Ändern kann man eh nichts und es wird schon irgendwie alles werden. Mit 40 Minuten Verspätung erhalten wir endlich die langersehnte Start-, bzw. Landeerlaubnis. Um während des kurzen Fluges nicht alle zwei Sekunden die Uhrzeit zu überprüfen, versuche ich mich mit dem neuen Hörbuch der „Drei Fragezeichen“ abzulenken und meinen Puls auf einem einigermaßen gesunden Level zu halten.

Der Flug dauert kürzer als gedacht und so sind wir nach etwas mehr als 30 Minuten im Landeanflug. Die Stewardess gibt noch kurz alle Flüge durch, die erreicht oder nicht erreicht werden … außer meinen. Gefesselt an meinen Sitz, zu weit entfernt, um die Frage nach meinem Flug kurz rüber zu rufen, mache ich etwas, das ich sonst nie mache: Ich nehme mein Handy aus dem Flugmodus. Um meine Sprint-Route vorab schon einmal grob im Kopf zu haben, versuche ich online eine Karte des Transitbereichs des Frankfurter Flughafens zu recherchieren. Aus Sicherheitsgründen natürlich absolut keine Chance. Plan B: So viele Reiseblogs wie möglich überfliegen, die etwas über den Frankfurter Transit berichten. Das klappt schon besser. Eine ganz grobe Route habe ich also im Kopf. Parallel halte ich meine Familie auf dem Laufenden, deren Boarding bereits begonnen hat, während ich noch sprichwörtlich in der Luft hänge. Das Flugzeug hat gegen 21:45 Uhr gerade wenige Millisekunden Boden unter den Füßen, als die ersten Passagiere schon wie von der Schlange gebissen aufspringen und die Overhead Locker öffnen, um ihr Gepäck heraus zu zerren. Noch gehöre ich nicht dazu, denn ich weiß genau, dass das Flugzeug sich auf dem Rollfeld nicht bewegen darf, wenn nicht alle Passagiere im Sitzen angeschnallt sind und das Gepäck sicher verstaut ist. Und prompt kommt auch die ermahnende Durchsage des Boardpersonals, sich umgehend wieder zu den Plätzen zu begeben.

Mit einem Puls von 390 beobachte ich den Sekundenzeiger auf meiner Uhr. Der Minutenzeiger ist mittlerweile irrelevant geworden. Es ist 21:49 Uhr. Mein nächstes Flugzeug soll um 22:05 Uhr abheben, Boarding war bereits um 21:20 Uhr. Die 50 panischen Passagiere haben sich endlich wieder gesetzt. Nächste Durchsage:“Wir können uns erst in die endgültige Parkposition begeben, wenn Sie das Gepäck aus dem Gang räumen und sicher über Ihnen in den dafür vorgesehenen Gepäckfächern verstauen.“ Ich nutze meinen kurzen Moment, in dem ich eh nichts an der Situation ändern kann, springe von meinem Sitz auf, renne acht Reihen nach vorne auf einen freien Sitz und katapultiere auf dem Weg noch zwei herrenlose Koffer an ihren Platz. Der junge Mann neben mir guckt mich erst überaus irritiert und entgeistert an, dann lachen wir beide los – sein Anschlussflug geht um 22:10 Uhr und er kann mich absolut verstehen. Wir haben nun endlich unsere endgültige Parkposition erreicht und diesmal springen alle Passagiere gleichzeitig auf und versuchen möglichst schnell Richtung Ausgang zu kommen. Es ist 21:53 Uhr und Gerhard mitsamt Ehegattin Kunigunde (diese Namen sind fiktiv) durchstöbert ersteinmal in aller Seelenruhe, den Gang verstopfend, das Handgepäck nach einem Kaugummi. Nach mehrfach ignorierter Bitte, uns kurz durchzulassen, ruft ein weiterer Passagier von hinten – diesmal nicht ganz so höflich wie ich -, dass doch bitte alle sitzen bleiben sollen, die keinen Anschlussflug haben, damit wir noch einen Hauch von Möglichkeit haben, unseren zu erwischen. Macht natürlich niemand.

Es ist 21:55 Uhr und meine Mama schickt mir eine Sprachnachricht, in der sie mir mit tränenbelegter Stimme erklärt, dass sie gerade alles dafür tut, aber das Bodenpersonal das Boarding schließen möchte. Genau so wie Mütter unentdeckte Kräfte entwickeln, wenn sie ihr Kind schützen möchten, entwickeln Kinder unentdeckte Kräfte, wenn sie ihre Mama weinen hören oder sehen. Unentdeckte Kräfte und zugleich bislang unbekanntes, überaus unhöfliches Verhalten – sorry nochmal an dieser Stelle an alle, die ich über den Haufen gerannt habe. Eigentlich bin ich ganz nett. Nachdem Gerhard auch den vierten Koffer aus der Gepäckablage geholt hat, der nicht seiner Kunigunde gehört und er ihn daraufhin wieder in Zeitlupe verstaute, quetsche ich mich ohne Rücksicht auf Verluste einfach an ihnen vorbei.

Es ist 21:56 Uhr und ich muss von A11 nach B44. Mit der letzten Sprachnachricht meiner Mutter im Kopf und zwei kaputten Knien, die absolut nicht fürs Joggen gemacht sind, breche ich Usain Bolts Weltrekord auf keine-Ahnung-wieviele-Meter im Transit des FRA. 22:01 Uhr, ich sehe von weitem die Passkontrolle (da wir nach Äthiopien reisen) und rufe aus voller Kehle „Sorry guys, I have a flight to catch!“, boxe mir meinen Weg durch die Menschen, versuche über Tensatoren zu springen (was nicht wirklich klappt und ich sie deshalb einfach umrenne) und knalle hechelnd und hyperventilierend meinen Pass und meine Boardkarte auf den Tresen des Polizeibeamten. Warum sie mich nicht festgenommen haben, ist mir bis heute schleierhaft. Da ich weder ein einziges Wort raus kriege, noch meine Gedanken überhaupt in Worte bündeln könnte, erhalte ich von ihm als Antwort lediglich einen perplexen Gesichtsausdruck und ein „Das Boarding ist bereits beendet.“. Auf mein kaum zu verstehendes „Mir egal.“ lässt er mich passieren und ich renne weiter.

Es ist 22:03 Uhr und ich erreiche mein Gate. Dort angekommen, mit einem Hals so trocken wie Sand, endgültig sprachlos lege ich schwer atmend meinen Boardingpass auf den Tresen. Es ist der Falsche. Aber keine Sorge! Ich hatte ihn nur den falschen von beiden gegeben. Die Dame guckt sich den neuen Boardingpass genauer an und von hinten höre ich ihren Kollegen erstaunt:“Is that her?! Did she actually make it?!“ Diesmal bin ich es, die irritiert guckt und werde gefragt:“Kann es sein, dass Ihre Familie drinnen auf Sie wartet?“ Deutlich irritierter bejahe ich ihre Frage. „Gehen Sie schnell rein! Sie werden sehnsüchtig erwartet.“ und mit einem strahlenden Lächeln fügt ihr Kollege noch hinzu „I’m so very glad you made it!“ Mein Puls ist zu hoch, um mir darüber weiter Gedanken zu machen und ich muss mich darauf konzentrieren, meine Wackelpudding-Beine halbwegs unter Kontrolle zu halten. Ich gehe durch das Drehkreuz und auf der anderen Seite erwarten mich drei Polizisten mit dem gleichen strahlenden Lächeln und einem „Wow! Sie haben es wirklich geschafft! Gehen Sie schnell weiter!“ Okay. Was geht hier vor sich? Ich betrete das Flugzeug, schwer schnaufend und mit den Nerven am Ende überreiche ich der Flugbegleiterin meinen Boardingpass. Zuerst will sie mich in den zweiten Gang schicken, guckt dann nochmals auf meinen Namen und lotst mich mit Freudentränen in den Augen zurück. Zwei ihrer Kollegen rufen „OH MY GOSH IS THAT HER?!?“. Mit wem werde ich gerade verwechselt?! Die erste Flugbegleiterin schiebt mich schnell in den ersten Gang zurück und flüstert mir ein „Your mom will be so happy to see you.“ ins Ohr, nachdem ich auch schon meiner Mama vor Freude weinend in die Arme falle und Lara ein paar Reihen weiter schallend lachen und meinen Namen rufen höre. Im Hintergrund Applaus der anderen Fluggäste und laute Rufe der Glückseligkeit. No kidding. Wie sich herausstellte, hat meine Familie und vor allem meine Mama wirklich ALLES versucht, um das Flugzeug aufzuhalten, hatte schon eine Sitzblockade gestartet und wollte einen Herzinfarkt vortäuschen. Am Ende hatte das gesamte Flugzeug mitgefiebert, gebetet und letztendlich Laolawellen gestartet, als ich das Flugzeug betrat. Im Hintergrund der überaus dramatische Ethiopian-Airlines-Jingle, den ihr euch hier anhören könnt und der meinen Auftritt perfekt machte. Wow. Zumindest meine Mom und ich waren so vollgepumpt mit Adrenalin, dass wir die ersten sechs Stunden Flug hellwach einen Disneyfilm nach dem anderen zusammen anguckten, um uns irgendwie wieder zu beruhigen – selbstverständlich auch Aladdin. Vielleicht auch zwei Mal.

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Aber warum fliegen wir überhaupt nach Namibia? Aus einem der wundervollsten Gründe: Meine Schwester Mel heiratet! Nach dem Tod meines Werners hat meine Mama im Mai 2018 erneut geheiratet und es könnte mich kaum glücklicher machen. Michael bringt nicht nur sich mit in die Familie, sondern auch zwei neue Geschwister. Als Kind sind seine Eltern mit ihm und all seinen Geschwistern zur Entwicklungshilfe von Deutschland nach Namibia gezogen, er durfte dort aufwachsen und den Großteil seines Lebens verbringen. Seine Kinder Christopher und Melanie sind beide in Namibia geboren und aufgewachsen. Deshalb heiratet seine Tochter auch dort.

(Kleine Erklärung am Rande: Ich spreche hier von „meinem Werner“ und „meinem Michael“, weil beiden Männern die Bezeichnung und der Titel „Stiefpapa“ einfach nicht gerecht werden würde. Sie sind beide mehr als das und werden immer mehr als das bleiben.)

       Namibia

Nach etwa 20 Stunden Flug und Reise landen wir in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia – sogar mein Backpack hat es geschafft, womit ich wirklich nicht gerechnet habe! Noch vor der Immigration, bevor ich auch nur einen Fuß auf offiziell namibianischen Boden gesetzt habe, werde ich Zeuge davon, wie wertvoll Michael nicht nur für mich geworden ist (emotional, nicht aus dem folgenden Grund), sondern für dieses Land schon immer war: Während sich der Normalsterbliche eine halbe Ewigkeit an die klassische Passkontrolle anstellt, werden wir zum Diplomateneingang gewunken, wo unsere Pässe kontrolliert werden und Michael ein Pläuschchen auf Afrikaans mit einer Botschafterin des Senegal hält, deren Töchter ich auf der Hochzeit wenige Tage später kennenlernen darf. Am Flughafen kaufe ich, wie immer, eine nationale SIM Card (3GB/Wochen für etwa €4,00/Woche) und lasse sie mir vor Ort einrichten, um sicher zu stellen, dass sie auch funktioniert. Wir holen unseren Mietwagen ab und machen uns auf den Weg zur Nina Farm, auf der die Hochzeit in wenigen Tagen stattfinden soll. Eine Adresse gibt es nicht, lediglich GPS Daten.

       

       

Die Nina Farm gehört der Mutter des Bräutigams: (Martin) Shali, benannt nach einem bedeutenden General Namibias. Shalis Mutter selbst war eine der Freiheitskämpferinnen, die auf Seiten des SWAPO (South-West Africa People’s Organisation) für die Freiheit und gegen das Apartheid-Regime der Südafrikaner kämpfte und das bis heute noch tut – dementsprechend besondere Gäste durfte ich an der Hochzeit kennenlernen. Die Nina Farm wurde erbaut auf dem Grundstück einer ehemaligen Tankstelle, die von einer rassistisch geprägten weißen Minderheit betrieben wurde. Nicht zuletzt um ein Zeichen zu setzen, kaufte Meme Aune (Shalis Mutter) diesen Grund und Boden und errichtete ihre Rinderfarm hier. Rassismus ist bis heute noch ein sehr großes Thema und Problem in Namibia. Ein weiterer Grund, warum die Hochzeit von Mel und Shali für alle auf verschiedenen Ebenen etwas ganz Besonderes ist: Sie setzt ein Zeichen. Manche sehen an diesem Tag zum ersten Mal, dass eine weiße Frau einen farbigen Mann küsst.

       

(Don’t they look like movie stars?!)

Die ersten Tage verbringen wir mit dem Aufbau (und der Planung) der Hochzeit, untermalt von vielen LILILILILILILI-Rufen, sobald die Braut gesichtet wird. Eine afrikanische Hochzeit ist eben keine deutsche Hochzeit, die zwölf Monate im Voraus penibel durchgeplant wird – vor allem nicht, wenn Mel die Braut ist Und so kommt es, dass im Prinzip nichts weiter geplant und durchdacht ist als die Gästeliste. Sogar die Gästeliste ist eher eine offene Einladung an das ganze Land, weshalb auch keiner genau weiß, wie viele Menschen erwartet werden können. Explizit ausgeladene Hochzeitscrasher inklusive! Aber hey. Als Enkel von Nelson Mandela kann man das schon mal machen. Wie ich es geschafft habe, meine für mich typische und penibel getaktete Organisation und Planung über den Haufen zu werfen und einfach mit dem Flow mit zuschwimmen, kann ich mir nur dadurch erklären, dass dieses Land und seine Menschen mich schlichtweg verzaubert haben. Die Reise hier her ist alles andere als meine erste Reise und ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen, dass ein Land aus meinen bis dato 43 Bereisten besonders hervorgestochen hat. Jedes Land hat etwas für sich Besonderes und wo ich von den portugiesischen Orangen, den Massagen in Polen, der Gastfreundschaft in Kambodscha, dem Kaffee in Albanien und im Kosovo, der Elchswurst in Norwegen, den Früchten im Vietnam […] schwärme, so hat Namibia etwas geschafft, das bisher noch nicht einmal Deutschland geschafft hat: Ich habe mich außerhalb meiner Komfortzone noch nie so wohl, ich selbst und angekommen gefühlt. Vielleicht habe ich also nun doch eine Antwort auf die Frage, welches Land mir bisher am Besten gefallen hat. Vielleicht werde ich aber auch bald „Zuhause“ dazu sagen. Es wird sich zeigen …

       

      

       

       

       

       

       

       

       

       

       

Dass wir nicht genau wissen, wie viele Gäste zur Hochzeit kommen, wäre in Deutschland ein echtes Problem. Hier nicht. Der Cousin-von bringt 365 Eier als Hochzeitsgeschenk, der Neffe-von 400 KG Rindersteaks und so weiter. Fazit: Jeder wurde mehr als satt und es blieb sogar noch was übrig. Meine Mama zauberte mit Michaels Schwestern persisches Essen und Nachtische, die wir am Vorabend gemeinsam fertig machten, eine der Brautjungfern die Hochzeitstorte, ein anderer Mopane-Raupen (Yup. Ich habe sie probiert.) und noch vieles mehr, das ich leider nicht genau identifizieren konnte. Es war auf jeden Fall alles lecker – sogar die Raupen.

       

       

       

       

       

       

Die standesamtliche Hochzeit ist mehr eine Formsache. Hierzu trifft man sich so früh morgens wie möglich bei Gericht, denn first come, first serve. Freitagmorgen um 08:00 Uhr treffen wir alle ein, warten für etwa eine dreiviertel Stunde im Warteraum, bis wir in den Gerichtssaal dürfen. Dieser sieht aus, wie man ihn aus Ami-Serien kennt. Nicht ganz so neu und modern und die AC auf viel zu kalt eingestellt, aber im Prinzip genauso. Mit den deutschen romantischen Standesämtern hat das nicht viel zu tun. Um 09:00 Uhr betritt die Richterin in schwarzer Robe und blauen Glitzer-Highheels, die bei jedem Schritt ein wenig unter ihrer Robe hervor blitzen (die Szene erinnert mich etwas an Sex and the City 2, in der Carrie sich mit ihren Mädels auf dem Bazar verstecken muss und an die Gruppe Modemädchen in Burka gerät und ich muss schmunzeln), den Court Room. Sie spricht so leise, dass wir nicht viel verstehen, außer dass sie sehr überrascht darüber ist, dass wir doch eine so große Hochzeitsgesellschaft sind. Wir sind etwa 20 Personen. Die anderen Ehepaare-to-be bringen lediglich ihre beiden Trauzeugen mit. Das Übliche „Bestätigen Sie, dass Sie aus freien Stücken hier sind?“, „Bestätigen Sie, dass sie nicht verwandt sind?“, begleitet von einem „Obviously! I mean … look at them?!“ von Meme Aune und vieles, das wir der Lautstärke geschuldet nicht hören. Mel und Shali sind nun offiziell verheiratet und die Richterin wirft ihnen ein etwas unbeholfenes „Now … say something nice.“ entgegen. LILILILILILILILILILI! Für uns (Mama, Michael, Lara und Mona) geht es zurück auf die Nina Farm, um dort weiter aufzubauen. Die anderen fahren zu einer anderen Farm zwischen Windhoek und Nina Farm, um dort mit einem Picknick, umringt von freilaufenden Rhinos, etwas zur Ruhe zu kommen. Bevor wir ins Auto einsteigen, nimmt mich Meme Aune noch einmal herzlich in den Arm und flüstert mir ein „Now I got two daughters at once and you, my love, got another brother and another momma.“ And I did.

       

       

       

       

       

Die erste Nacht schlafen wir alle auf der Nina Farm. Die zweite Nacht bei Roya und Hanso in Finkenstein. Endlich lerne ich die Eltern und den Bruder zu den beiden Goldschätzen Kyana und Layla kennen, die ich in Deutschland schon so oft in den Arm nehmen durfte! Hach. Die nächsten beiden Nächte schlafen wir bei Auntie Lena. Auntie Lena betreibt mit ihrem Mann Eric, deren gemeinsamer Tochter Erica und einer weiteren Hilfe eine Farm ca. 15 Minuten Autofahrt entfernt der Nina Farm. Jeder einzelne dieser Orte fühlt sich so sehr nach Zuhause an, weil er gefüllt ist mit Familie, Gastfreundschaft, Liebe, Leben und Lachen. Langsam klingt alles sehr kitschig, ich weiß. But no kidding, es war wirklich so! Auntie Lena stellt uns (Mama, Michael, Lara, Mona, für eine Nacht Mel, Tobi und Shiva, Michaels Geschwistern mit Kindern und Anhang) nicht nur einfach ihr Haus zur Verfügung, sondern füllt den Kühlschrank bis oben hin und empfängt uns mit den offensten Armen, in die ich jemals einkuscheln durfte. Abends kochen wir gemeinsam und freuen uns, dass auch Auntie Lena und ihre Familie mit uns gemeinsam essen und wir uns ein wenig revanchieren können.

       

       

       

Der große Tag steht an! Während Michael früh morgens mit Mona und Lara auf die Farm gefahren ist, um mit den Brautjungfern und Groomsmen den letzten Feinschliff für abends vorzunehmen, bereiten wir anderen bei Auntie Lena das restliche Essen vor, nähen das Brautkleid fertig (Ja, am Tag der Hochzeit.), helfen Mel ein Outfit für die Party danach zusammen zu stellen (Ja, ebenfalls am Tag der Hochzeit.) und was eben sonst noch so anfällt. Namibia wartet seit drei Jahren auf Regen, muss irgendwie lernen mit der aktuellen Dürre zurecht zu kommen (Hallo Klimawandel!) und hat seit Monaten keine Wolken mehr gesehen … dann passiert es. Wolken ziehen auf und es tröpfelt! Was einer deutschen Braut nun endgültig den Boden unter den Füßen weggerissen hätte, treibt einer afrikanischen Braut Tränen der Freude in die Augen. Wenn es an Deinem Hochzeitstag regnet, geben Dir Deine verstorbenen Vorfahren und Familienmitglieder ihren Segen für die Ehe, sagt man hier. Gänsehaut. Der Tag scheint noch besser zu werden als er ohne hin schon ist und sein wird.

       

       

       

       

       

       

       

       

Bevor Mona und Lara mit den anderen zur Kirche vorfahren, wird noch schnell eine Frisur gezaubert … richtig. Ebenfalls sehr spontan. Zum Glück sind die beiden noch da, denn ich wäre damit völlig überfordert.

     

Zehn Minuten vor Abfahrt in die Kirche sind nur noch Mama, Michael, Mel und ich auf der Farm. Ich helfe Mel sich fertig zu machen und wir sind wirklich gut im Zeitplan. Nur noch Schuhe anziehen und wir können losfahren. Mel bückt sich, um die Schlaufe um ihren Knöchel zu binden … und ihr Kleid reißt gute zehn Zentimeter am Rücken auf. Ich atme tief ein und versuche ruhig zu bleiben. „Mel … uhm … don’t freak out, but … your dress just ripped.“ Und Mel?! Die Ruhe in Person. Ich drücke mir und allen Beteiligten die Daumen, dass ich auch mal so eine tiefenentspannte Braut werde. Wenige Augenblicke später hatte ich Nadel und Faden gefunden, die mir Michaels Schwester Rosi glücklicherweise vorher noch in aller Weisheit zur Seite gelegt hatte, und Mama gerufen. Gemeinsam mit Michael näht sie Mel in ihr Kleid ein, ich binde ihr die Schlaufen der Schuhe um die Knöchel und wir fahren los.

       

Die Kirche ist wenige Minuten mit dem Auto von Ninas Farm entfernt und die Fahrt dauert etwa 20 Minuten entlang der Sandpad. An der Kirche angekommen, trommle ich die restlichen Brautjungfern zusammen, damit wir unsere Blumensträuße in die Hand nehmen und gemeinsam in die Kirche einlaufen können. Die Kirche ist voll und wir hätten sie wohl noch mindestens fünf weitere Male füllen können mit all den Menschen, die daran teilhaben wollten. Die Reden und Gelöbnisse sind herzerwärmend, augenöffnend und gänsehautverursachend. Da ich sie unmöglich wiedergeben oder in Worte fassen kann, werde ich sie nachreichen und hochladen, sobald ich sie alle zusammengesammelt habe. Aber eins wird mir wieder klar: Solange ich nicht das Gleiche über und zu einem Mann sagen kann, wie Mel über und zu Shali und solange kein Mann das Gleiche über und zu mir sagen kann, wie Shali über und zu Mel, bleibe ich gerne und mit gutem Gewissen ein Ich. DAS muss Liebe mit zwei Menschen machen, in zwei Menschen auslösen und zwei verliebte Menschen in anderen auslösen. (Probs gehen raus an all meine relationship role models: I dunno if you realize that, but you have a huge impact on me.)

       

       

       

       

[Nachtrag, 03. November 2019]
Mels vow kann ich euch schon präsentieren, Shalis reiche ich nach, sobald ich ihn habe:

„Hi babygh!
This… this right here is the most comfortable I’ve ever been. And I’ll tell you why.
Your warmth is radiant and ever sharing. And therefore I can never go cold.
Your eyes focused, unafraid and truth seeking. I can never be distrustful.
Your third clear, patient and forgiving. I can never be lost.
Your hands firm and aware. I can never be dropped.
Your smile big and never shy. I can never be faithless or unsafe.
Your mind ridiculously curious and rebellious. I can never be bored.
Your voice humble and careful. I can never be drowned.
Your ears present and waiting. I can never be silenced.
Your heart honest and playful. I can never be misled or put down.
And the rest of you is so damn squeeeeshy! I can never be uncomfortable.
This this right here is the most comfortable I’ve ever been. So thank you for sharing all your powers with me. I’m so excited to be sharing mine with you.
Now comfort is an interesting thing because I think it’s one of our most basic feelings we strive to achieve – a feeling of comfort and safety, throughout our joys and our fears, that knowing “everything will be ok”… as my papa says. BUT at the same time the uncomfortable things life has to offer are often the moments where we learn and grow the most… as my mama says. “this is a good learning opportunity”. And we all know full well that revolution doesn’t happen when we’re comfortable. That “in this life nothing gets handed to you, you have to work and go get it” as Meme says.
Oh our beloved parents! Thank you for teaching us to walk into life and this love with all our eyes wide open. Meme for raising an incredible man in a world that fights so hard for men not be. Mama and papa for raising me to see with my heart in a world that tells me to see with my fears. Because of you, we are. And because of you, I am. I am standing here today, in front of you and all of our loved ones, and I feel fierce and so full of life and love. Clear minded and more sure of who I am and what I want to become than I have ever been. Because of you, my love, I am. And I hope, trust, know that with me, you are.
We’ve already started building a home together, setting up strong foundations, making sure we have enough air and light coming in. Having an abundance of plants! As long as we’re careful about how we use water in this drought. We are empowered, safe and comfortable to be ourselves in our home. I’m so proud of us.
Comfort can be as small as the simple act of breathing. Breathing is all we have to give rest to heads and to give rhythm to our chests. Without it we can’t be a part of the playing or the learning. Now this is the comfort I am talking about. We breathe so beautifully together babygh and I love that we laugh every time we notice.
We are divinely placed here “see the signs, they’re all around us” as Freddy says. He’s right. It would be unwise to ignore them. “I’m ready, and it’s ok, ok?” as Chris said. And I am too babygh. I am ready to gracefully fall into this new world with you.. trusting that we will be wiser and better for it. Maybe even big enough to have kids one day. Because “ME Me I love you man” as you say and “I love allllllllll of you” as I say and will always say.“

       

       

       

       

Brides Peeeeeeeps <3
Groomsmen and Bridesmaids <3

Die religiösen Trauungen sind vorbei und der traditionell afrikanische Teil der Hochzeit beginnt: Das Brautpaar muss nun gemeinsam zu Fuß den Weg von der Kirche bis zur Farm der Mutter des Bräutigams gehen, begleitet von Freunden, Familie, Tänzern und Musik, um am Tor der Farm (hoffentlich) von der Mutter hereingelassen zu werden und somit offiziell zur Familie zu gehören. Meme Aune erzählt uns schmunzelnd davon, wie sie sich früher gerne endlos damit Zeit ließen und das Brautpaar teilweise stundenlang am Tor warten musste. So aber nicht bei Meme Aune: Sie kann es kaum erwarten, die beiden endlich auf ihrem Grundstück zu begrüßen. Nun beginnt die traditionelle Geschenkeübergabe: Diese hätte eigentlich in einem eigens dafür aus Stein und Lehm gemauerten Kreis stattfinden sollen, allerdings sind wir so viele Gäste, dass der Platz nicht ausreicht und es kurzer Hand outgesourced wird. Als Geschenke erhalten Sie unter anderem eine Bibel, ein Pfeil und Bogen, eine Axt und weitere traditionelle Geschenke mit sehr tiefgründigen Bedeutungen. Begleitet und untermalt wird das Ganze wieder mit Musik, Tanz und ganz viel LILILILILILI.

       

       

       

       

Der Abend wird mit Essen eingeleitet, bevor die große Party beginnt. Essen aus verschiedensten Kulturen und Ländern – aber das Wichtigste, das ich an diesem Abend lerne: Braai is fly! [Braai bedeutet BBQ] Wie schon erwähnt, wurden alle mehr als satt und mit gefüllten Mägen konnte dann die Tanzfläche eingeweiht werden. Memo an mich: Ich muss mir dringend von Tara diese wahnsinns Tanzmoves beibringen lassen (Guuuuuuurl!!). Mel, selber Künstlerin und Musikerin, gibt ebenfalls ein paar ihrer Kunststücke als eine Mischung aus Jazz und Poetryslam zum Besten – und da ist sie wieder, diese Gänsehaut. Die Party ist für mich gegen 02:00 Uhr morgens beendet, weil uns allen noch der Flug und die letzten Tage in den Knochen hängen. Für die anderen geht es teilweise weiter, bis die Sonne wieder aufgeht. Weit haben sie es aber nicht, da einfach auf dem Festgelände gezeltet wird.

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

        

       

   

Mir fällt es wirklich schwer, all die Emotionen und Gedanken dieser Hochzeit in Worte zu fassen und auf digitales Papier zu bringen. Mir, der nie die Worte fehlen. Auch Wochen danach suche ich immer noch nach ihnen. Diese Hochzeit war auf so vielen Ebenen die mir am nachhaltigsten in Erinnerung bleibende – no offense an alle anderen wundervollen Hochzeiten, auf denen ich schon tanzen durfte! Die Art, wie Freunde und Familie angepackt, alle Kraft- und Nervenreserven gesammelt und gebündelt haben, um diesen Tag so perfekt wie möglich zu machen. Die Liebe, Offenheit und Gastfreundschaft, die jeder einzelne mir und uns entgegengebracht hat. Das kleine große Chaos, das mit so vielen Händen und noch mehr Handgriffen in etwas so Schönes verwandelt wurde. Den Humor, den keiner von uns über all den Stress verloren hat. All die Menschen, die mein Herz um ein Hundertfaches größer werden ließen, weil jeder Einzelne von ihnen einen ganz besonderen Platz darin hat.

Nachdem wir am nächsten Morgen ein wenig ausschlafen konnten, wieder gemeinsam frühstückten und uns auf der Farm von allen verabschieden, fahren Mama, Michael, Lara und ich nachmittags noch nach Tsumeb weiter. In Tsumeb erbaute Michael mit seiner Familie vor vielen, vielen Jahren das Tsumeb Arts and Crafts Centre, in dem Anwohner ihre Kunst verkaufen und somit Geld verdienen können. Dieses Arts und Craft Center hat es schon seit einigen Jahren nach ganz oben auf die Must-Do-Listen der bekannten online und offline Reiseführer geschafft – zurecht. Nicht nur was man kaufen kann ist mit viel Herzblut und Leidenschaft erschaffen worden, sondern das gesamte Gelände. Man fühlt sich ab der ersten Sekunde wohl und wir könnten nicht glücklicher darüber sein, die nächsten fünf Tage (mit kleiner Unterbrechung) hier zu verbringen.

       

       

       

       

       

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, fahren wir in die Etosha Pfanne. Diese ist etwa eine Stunde Autofahrt von Tsumeb entfernt. In mir hüpft die kleine Tippi aus Afrika (Ein Buch meiner Kindheit, das von der kleinen Tippi erzählt, die als Tochter von zwei Forschern in Afrika zwischen Geparden und Elefanten aufwachsen darf – natürlich wollte ich immer wie sie sein.) Saltos vor Vorfreude: Endlich sehen wir wilde Tiere! Wobei das so nicht ganz stimmt. Allein auf den vielen Fahrten auf der Sandpad zur Nina Farm und auch auf der Strecke nach Windhoek wurde uns schon fast alles präsentiert, das Namibia so an Flora und Fauna zu bieten hat: Giraffen, Springboks, Zebras, Warzenschweine, Strauße, Affen und sogar einen beinahe-Wildunfall mit einer Oryx. Was wir wohl der Versicherung in Deutschland erzählt hätten? Zum Glück hat Michael sehr gute Reflexe und im Gegensatz zu uns die Straße im Auge und nicht die von Tieren erfüllte Ferne.

Wow! Die Etosha Pfanne. Wow. Fun Fact am Rande: Keines der folgenden Fotos wurde mit einem Zoom fotografiert und überhaupt keines der Fotos in diesem gesamten Blogpost ist (nach)bearbeitet. Mit viel Geduld, Ruhe und Respekt vor der Natur gelingen einem die besten Fotos. Aber seht selbst:

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

Als wir abends wieder in Tsumeb ankommen, warten auch schon Oma (Michaels Mama), Mona, Jürgen (Michaels Bruder), Alex (Jürgens Sohn), Rosi (Michaels Schwester) und Biggi (Michaels Schwester) auf uns. Den Abend und den gesamten nächsten Tag verbringen wir gemeinsam mit kochen, essen, Karten spielen, Biltong essen, Sonnenbrillen-Shopping im China Shop, kleinen Reparaturen am Grundstück und viel, viel lachen. Einen Tag Pause nach all dem Trubel und den unzähligen Eindrücken tut wirklich gut. Da es in Tsumeb nochmal ein bisschen wärmer ist als schon zuvor in Windhoek, schlafen wir – ganz zur Freude aller Mücken – draußen.

       

       

       

       

       

       

       

Während des Schreibens fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen schaffe ich es einfach nicht meinen Superlativ im Zaum zu halten (#sorrynotsorry) und zum anderen habe ich total vergessen, euch mit Informationen über dieses Land zu füttern. Aber das hole ich jetzt mal schnell nach.

Namibia beheimatet etwa 2,2 Mio Menschen. Das sind deutlich weniger Einwohner als Berlin hat, und das auf einer Gesamtfläche von knapp 830.000 km². Zum Vergleich: Deutschland ist weniger als halb so klein. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (1884 – 1915) hieß Namibia noch Deutsch-Südwestafrika und war eine deutsche Kolonie. Weitere 70 Jahre musste sich Namibia als UN-Territorium durchschlagen, bis es 1990 endlich durch starken internationalen Druck seine Unabhängigkeit von Südafrika und seinen heutigen Namen erlangte. Bis heute haben viele Straßen deutsche Namen (und Schilder), es gibt ein Oktoberfest, Karneval und auch die Essiggurken aus Thüringen kann man im Spar um die Ecke einkaufen. Bisschen verrückt, aber man gewöhnt sich doch recht schnell daran – schließlich fühlt es sich an wie Zuhause. In Windhoek zumindest. Reist man, wie wir, noch weiter in den Norden, ist es auch ganz schnell vorbei mit Schwarzwälderkirschtorte und Birkenstocks. Windhoek ist nicht nur die Hauptstadt des Landes, sondern auch die Größte. Die zweitgrößte Stadt Namibias ist Rundu, an der Grenze nach Angola, wo wir am nächsten Tag hinfahren werden.

Aktuell belegt Namibia Platz 129 von 189 Staaten weltweit im Human Development Index. Seit seiner Unabhängigkeit hat das Land große Fortschritte gemacht, um die Armut zu bekämpfen, allerdings sind in keinem Land der Welt Reichtum und Armut so ungleich verteilt wie hier. Über die Kolonialzeitgeschichte Namibias kann ich mir leider noch keine ausgeprägte Meinung bilden, weshalb ich hier nicht viel zu sagen werde, da ich mich noch nicht genug damit auskenne. Was ich allerdings weiß und sagen kann, ist, dass unnötig viel Blut geflossen ist und dass ich froh darüber bin, dass Deutschland seit 2014 mit Namibia in den Dialog geht, um die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Es ist bereits Mittwoch und wir fahren nach dem Frühstück für eine Nacht nach Rundu, in den Norden Namibias. Rundu liegt in der Kavango-Region und direkt am Okavango. In Rundu sind Christopher und Mel aufgewachsen und Michael hat hier einen Großteil seines Erwachsenenlebens verbracht. Die Fahrt ist schon absolut spektakulär! Mama und Michael haben uns (Lara, Mona und mir) nicht zu viel versprochen, als sie sagte, dass hier das richtige Afrika beginnt. Meter um Meter wird es zwar noch wärmer, aber die Landschaft ein bisschen grüner. Am Straßenrand reihen sich kleine Dörfer aus Lehm- oder Wellblechhütten aneinander und Michael fällt eine atemberaubende Geschichte aus vergangenen Jahren nach der anderen ein, die uns aus dem Staunen nicht mehr rauslässt. Wow! Beeindruckend, was er für dieses Land schon alles gemacht und was er hier alles erlebt hat. Vor allem eben in Rundu. Und so dürfen wir vor Ort auch ein paar seiner Freunde kennenlernen – entweder auf einen Kaffee oder um unseren Mietwagen zu reparieren, dem die ganzen Sandpads wohl doch nicht so gut gefallen.

       

       

       

Apropos Mietwagen. Ich empfehle auf jeden Fall einen 4×4 zu mieten, ansonsten hat man vermutlich nicht sehr viel Spaß. Egal, ob im Etosha oder irgendwo abseits der wenigen asphaltierten Straßen, mit einem anderen Auto hat man kaum eine Chance oder eben nach wenigen Metern keinen Unterboden mehr. Wer das erste Mal im Linksverkehr fährt, sollte dies außerhalb einer der Städte auf den gerade Straßen üben, da die Umstellung an sich schon nicht sehr einfach ist und man zusätzlich zum Tier-Slalom nicht auch noch auf andere Autos Acht geben muss. Ebenfalls zu empfehlen: Einen Michael als Beifahrer, der einen immer wieder tiefenentspannt darauf hinweist, wenn man doch auf der falschen Seite abbiegt oder bereits sehr vorausschauende Tipps gibt.

       

       

Die Kavango-Region ist benannt nach seinen Einwohnern, die für ihre Holzschnitzkunst bekannt sind. Am Straßenrand wird diese unter anderem auch ausgestellt und verkauft. Sie sind ein in fünf Stämme unterteiltes Flussvolk, das bis heute sein Überleben hauptsächlich durch Fischfang sichert. Die Hauptstadt dieser Region ist Rundu. Durch das gesamte Gebiet und als natürlich Grenze zu Angola fliest der Okavango etwa 400 km quer durch den Kontinent. Dieser bietet die Lebensgrundlage der ärmsten Region Namibias.

       

       

       

       

       

       

       

Eigentlich wollen wir in der wunderschönen Tambuti Lodge schlafen, die ganz früher einmal Michaels Haus war und die er dann als Grundstück und um weitere Gebäude erweiterte, verkaufte und die jetzigen Besitzer eine Lodge draus machten. Leider ist hier – zurecht – alles ausgebucht. Wir beschließen an den Okvango runter zu fahren und dort nach einem Schlafplatz zu suchen. Und siehe da! Wir sind in einem weiteren kleinen Mikro-Paradies gelandet.

       

       

       

       

       

       

Unser heutiges Abendessen essen wir in der Kavango River Lodge mit dem schönsten Blick über den Okavango. So schön, dass wir es schaffen, minutenlang nicht miteinander zu sprechen und so schön, dass ich sogar (irgendwann) meine Kamera wegpacke. Im Hintergrund ruft laut der Go-Away-Vogel, den ich seit meiner Kindheit und dem 128. Mal „Die Lustige Welt der Tiere“, unbedingt in echt sehen und hören wollte.

       

       

       

       

       

Mit gefülltem Magen und strahlenden Augen fahren wir zur Lodge zurück, um den Tag – wie immer – mit 10-Penny-Rummy ausklingen zu lassen. Eine Stromleitung ist wohl kaputt gegangen und wir sitzen im Dunkeln. Da man das hier aber gewohnt ist, sind ruckzuck Kerzen organisiert und Lara kommt in Gruselgeschichtenstimmung. Noch heute kriege ich Albträume von einer Geschichte, die sie mir einmal als Kind erzählte und ich hole schnell die Spielkarten. Kurze Zeit später gehen aber auch schon wieder das Licht und der Ventilator an.

       

Morgens zum Frühstück kriegen wir Besuch von einem weiteren Freund von Michael, der mittlerweile Schulleiter einer Schule in der Region geworden ist und uns von seinen Entwicklungsprogrammen erzählt, die er gerade umsetzt. Unter anderem ein Programm, das die Wichtigkeit des Händewaschens bewusst machen soll und ein weiteres, das Damenbinden sponsort, damit die Schülerinnen auch während ihrer Periode die Schule besuchen können und nicht jeden Monat eine Woche ausfallen und den Unterricht verpassen. Wieder werde ich sehr demütig, wenn ich an mein Leben in Deutschland denke. Eigentlich DIE Sache, die ich am meisten am Reisen liebe: Je mehr man von der Welt sehen darf, desto demütiger und dankbarer für sein Leben in Deutschland wird man. Zumindest geht es mir so. Das erdet mich regelmäßig. Uns geht es in Deutschland echt verdammt gut.

Bevor wir wieder zurück nach Tsumeb fahren, zeigt uns Michael noch ein bisschen mehr von der Stadt. Unter anderem eine ehemalige, nun leer stehende Missionsstation. Dazu erklärt er uns die Politik, wie man mit einem Hompa (Stammesoberhaupt der jeweiligen Kavango-Stämme) verhandeln muss oder was man an der Grenze zu Angola lieber alles nicht tun und machen sollte, wenn man hier überleben möchte. Wieder einmal macht er uns zuerst sprachlos, bevor wir mit all unseren Fragen auf ihn einreden.

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

       

Meine beiden afrikanischen Lieblingsgetränke haben wir auch hier oben kennengelernt. Kaufen kann man diese beiden Marken aber im ganzen Land. Nummer eins ist das super erfrischende und Durst löschende Rock Shandy. Mein liebstes ist das von Country Club. Rock Shandy ist eine Mischung aus Soda, Limonade, Ginger Ale und irgendeinem alkoholfreien Kräuterlikör.

Mein absoluter Favorit und unser Getränk des Urlaubs ist definitiv Farmdudler. Selten so gelacht, wie in dem Moment, als Mama das an der Tankstelle entdeckte. Farmdudler schmeckt wie Almdudler, nur irgendwie noch besser.

Eine Nacht dürfen wir noch in Tsumeb schlafen, bevor es für die letzten Tage nach Windhoek zurück geht. So sehr ich mich auf Roya, Hanso und Vahid freue und darauf, Rosi, Don, Mel und Shali dort wieder zu sehen, so sehr werde ich (die btw bald 98-jährige) Oma und Biggi, die in Tsumeb wohnen, vermissen. Unsere letzte Nacht machen Jürgen und Alex noch perfekter als die Nächte zuvor schon waren: Sie haben Mückennetze organisiert und sie über unseren Betten aufgehangen. UNSERE HELDEN! In dieser Nacht habe ich so gut geschlafen, dass ich morgens völlig verwirrt aufwachte, weil ich nicht mehr wusste, wo ich gerade überhaupt bin. Wir versuchen den Abschied so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen. Es ist schließlich auch kein Abschied, sondern ein Bis-Bald. Ein großes Stück meines Herzens ist auf jeden Fall in Tsumeb geblieben.

       

       

       

       

Noch einen kleinen Touri-Abstecher machen wir auf dem Weg zurück zu Namibias Hauptstadt. Wenn wir schon einmal hier sind, können wir es uns nicht nehmen lassen, den bisher größten auf der Erde gefundenen Meteoriten zu bestaunen. Ein wirklich liebevoll gebautes Areal umrundet diesen 50-60 Tonnen schweren Koloss aus Eisen, Nickel und Cobalt. Der Hoba-Meteorit ist in den Otavibergen, etwa 20 km westlich von Grootfontein, vor ca. 80.000 Jahren auf die Erde geknallt und wird vermutlich für immer dort liegen bleiben. Sein geschätztes Alter liegt bei 190 – 410 Millionen Jahren. Stellt man sich auf den Meteoriten, so hat alles, was man sagt einen seltsam hallend-dumpfen Schall, der sich wirklich kaum beschreiben lässt. Einfach mal ausprobieren! Haben wir auch nur durch Zufall entdeckt, weil ich mal wieder nicht aufhören konnte zu reden. Klar.

       

       

       

       

       

       

In Windhoek angekommen, erwartet uns ein gemeinsames Abendessen mit allen. Hach. Wie sehr ich ein volles Haus vermisse. Oke, oke. Auch das leckere Essen, dass die Ladies jeden Abend so gezaubert haben. An unserem vorletzten Tag frühstücken wir auf dem allsamstäglichen Bio-Deutschen-Markt und plündern danach das Arts and Craft Center in der Stadt, um die letzten Souvenirs einzukaufen. Schweren Herzens genießen wir unser letztes riesen großes Familien-Freunde-Abendessen und versuchen nicht daran zu denken, dass wir am nächsten Tag schon wieder nach Deutschland zurück müssen.

       

       

       

       

       

       

Puh. Na was soll ich abschließend noch alles sagen … ich denke, man konnte in den letzten 6.000 Worten ein wenig aus dem noch viel längeren Subtext rauslesen, dass mich dieses Land verzaubert hat. Ich bin mal wieder so unendlich dankbar, dass ich auch dieses Land (mit absoluter Sicherheit nicht zum letzten Mal) durch Familien-Augen kennenlernen und erleben durfte und schon wieder nicht nur ein normaler Tourist sein musste. Ich bin dankbar für dieses Land – nicht, weil ich so viel Elend gesehen hätte und froh darüber bin, in Deutschland zu sein, sondern ich bin dankbar, dass ich Teil hiervon sein durfte und immer sein werde. Ich bin dankbar für eine Familie, die so toll ist, dass mir wieder einmal die Worte fehlen. Ich bin dankbar dafür, dass sich jeder einzelne dieser Orte wie ein Zuhause anfühlt. Ich bin dankbar dafür, dass ich all meine Sorgen und Ängste vergessen und wieder gelernt habe, Momente und Augenblicke zu genießen. Aber vor allem bin ich dankbar dafür, dass Du, Michael, Namibia in mein Leben gebracht hast.

Beim Schreiben dieses Textes bin ich mehrfach im Zug durch Deuschland gefahren, habe Paulaner Spezi getrunken, Döner gegessen, Termine organisiert und was man eben noch so alles Deutsches tun kann … aber nicht eine Sekunde davon bin ich wirklich wieder in Deutschland angekommen. Werde ich das vielleicht nie wieder?

2 Antworten auf „Namibia“

  1. Liebe Bahia,
    wenn man bedenkt, dass dein Besuch in Namibia gerade mal 2 Wochen gedauert hat kann man dich nur beglückwünschen, was du in dieser kurzen Zeit alles erleben durftest. Deine Beschreibungen, Gefühle und die eingefügten Fotos waren herzerwärmend. Wir, die wir dort aufgewachsen sind, nehmen viele der beschriebenen Details als selbstverständlich oder gegeben hin. Deine Schilderungen haben mir viele Dinge wieder bewusst gemacht und Erinnerungen wach werden lassen. Teilweise war ich nicht imstande weiter zu lesen, aber die Tempos haben mir darüber hinweggeholfen. Ich stimme dir absolut zu, dass es ein Unterschied ist, wenn man mit Ortskundigen und dazu noch Familienangehörigen unterwegs ist – man bekommt einen viel persönlichen , ja intimeren Einblick in das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen. Da muss sich noch viel mehr ändern! Aber so wie du die Heirat zwischen Shali und Mel erleben durftest; das macht Hoffnung!
    Ich glaube auch, dass du mit deinen Cousinen als wunderschönen Erlebnisse gemeinsam erleben konntest, hat sein Übriges dazu beigetragen – die Freude und Spass hätten wir gerne miterlebt.
    Nochmals den allergrößten Dank für diesen Bericht, er hat mir nicht nur Namibia aber auch dich mir näher gebracht. Sei ganz lieb umarmt!
    Wolfgang

    1. Oh Wolfgang … jetzt treibst Du mir Tränen in die Augen! Danke danke danke für Deine Worte, sie bedeuten mir wirklich viel. Nachdem ich letztes Jahr schon auf Mama und Michaels Hochzeit viele von euren wilden Geschichten aus der Kindheit gehört habe, hoffe ich, dass ich mal mit euch allen zusammen auf abendteuerliche Entdeckungstour gehen darf – das fände ich wirklich toll 🙂 Oder wir ziehen einfach ganz bald alle dort hin, errichten unseren eigenen, kleinen Lehmhütten-Stamm und ihr dürft unter euch ausmachen, wer der Hompa wird. In der Zwischenzeit kocht Mama mit den anderen das Abendessen und ich cruise mit Hanso und unseren Bikes durch Zebra-Herden. Wie klingt das? I’m all in.
      Ich umarme Dich ganz fest, Bahia

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